Warum das Essen am Familientisch so wertvoll ist. Mit 8 Tipps für eine schöne Tischkultur.

Heute geht es um Familien-Tischkultur: Warum es so wertvoll ist, gemeinsam zu essen und das Essen mit Ritualen zu verbinden. Mit acht Ideen für eine gute Tischkultur in der Familie.

Gemeinsames Essen verbindet

Eine schöne Familien-Tischkultur kann für das Familienleben und die Entwicklung der Kinder sehr wertvoll sein. Gemeinsam zu essen verbindet Menschen auf eine ganz urtümliche Weise. Wer zusammen isst, bildet eine Gemeinschaft und gehört ganz intuitiv zusammen.

Das Zusammensitzen am Tisch ist auch oft der einzige Moment am Tag, wo alle einander aufmerksam zuhören können. Was am Familientisch erzählt wird, wissen alle und bildet damit einen gemeinsamen Erfahrungs-, Wissens- und Geschichtenschatz. So entsteht das typische „Wir-Gefühl“ einer Familie. Wenn man einander zuhört, üben sich die Kinder auch in Diskussionskultur, Achtsamkeit und Respekt für die Worte anderer.

Tischkultur: Im ersten Babyjahr eine Herausforderung

Bei uns hat es ganz schön lang gedauert, bis sich eine geregelte Tischkultur in der Familie etabliert hatte. Im ersten Jahr mit Baby herrschte bei uns noch das reine Chaos. Da mein Mann jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten arbeitete, ich nach Bedarf stillte und auch vor dem Baby keine regelmäßige Esserin war, gab es bei uns keine festen Essenszeiten. Ich aß, wenn der Heißhunger mich überfiel. Wenn der Mann dann zu Hause war, aß er natürlich mit. Aber es gab keine festen Uhrzeiten, ja nicht einmal einen ungefähren Rhythmus. Es gab nur die (nicht immer eingehaltene) grobe Regel, dass wir irgendwann abends gemeinsam etwas essen. Das hat uns im ersten Jahr viele Nerven gekostet, weil so auch das Kind nur schwer in einen Rhythmus fand.

Tischkultur durch Lebensrhythmen etablieren

Erst als die Tochter zur Tagesmutter ging und ich wieder anfing zu arbeiten, etablierte sich langsam ein Rhythmus in unserem Leben. Natürlich musste etwas Gutes gefrühstückt werden, bevor es los zur Tagesmutter ging, am Nachmittag gab es einen Snack, weil das Kind immer so hungrig nach Hause kam, und am Abend natürlich ein Abendessen.

Nach und nach haben wir über die ersten Jahre mit Kindern zu einem Rhythmus und einer Tischkultur gefunden, die wir alle schätzen. Hier meine Erfahrungen und Anregungen, wie man die gemeinsame Nahrungsaufnahme in eine echte Tischkultur verwandelt:

Acht Tipps und Anregungen für eine schöne Familien-Tischkultur

1. Dekoriert und zündet eine Kerze an

Um das gemeinsame Essen zu würdigen und den Familientisch zu einem schönen Ort zu machen, kann man den Tisch ein wenig schmücken. Bei uns ist das manchmal nur eine Kerze, ein kleines Tuch und ein paar Kastanien oder andere kleine Fundstücke aus der Natur. Andere Möglichkeiten sind besondere Tischsets, eine schöne Tischdecke und frische Blumen oder Zweige, oder jahreszeitlich passende Dekorationen wie Blumenelfen oder ein schöner Stein. Eine Kerze finde ich persönlich unerlässlich, weil das Kerzenlicht etwas wunderbar Lebendiges und Verbindendes hat, besonders beim Essen. Wie ein kleines Lagerfeuer.

Aktuell besteht unsere Tischdekoration aus den noch übrigen Adventskranz-Kerzen, die wir mit einem blauen Seidentuch, Efeublättern und einem Zapfen auf einer Holzscheibe angeordnet haben

2. Sprüchlein oder Lied zur Einstimmung

Das Essen am Familientisch bietet die einmalige Möglichkeit, einen Dank fürs Essen auszusprechen. Es muss ja kein Tischgebet sein. Ein Dank fürs Essen, und sei er noch so klein, vermittelt ganz nebenbei Dankbarkeit dafür, dass wir haben, was wir brauchen, und Achtsamkeit für Welt und Umwelt.

Wir sagen zur Einstimmung immer einen kleinen Spruch von Christian Morgenstern auf, der in der Waldorf-Welt bekannt ist. Wir sehen uns dabei an und legen dabei die Hände zu einer Schüssel zusammen:

Das Kind legt bei unserem Tischspruch die Hände zu einer Schüssel zusammen

Das Sprüchlein strukturiert den Beginn des gemeinsamen Mahls und sorgt für einen kleinen Moment der Gemeinsamkeit. Uns hilft das, uns aufeinander einzustellen. Hier unser Spruch:

Erde, die uns dies gebracht,
Sonne, die es reif gemacht:
Liebe Sonne, liebe Erde,
Euer nie vergessen werde.

Danach fassen wir uns an den Händen und sagen noch „Piep, piep, piep, wir haben einander lieb. Guten Appetit.“ Dieser Spruch wird bei uns oft spontan abgewandelt, z.B. in „Pipele, popele, paap, wir haben ananander laab, guten Appetaap“. Die Kinder haben natürlich großen Spaß an diesen Scherzen.

Bei „Piep, piep, piep“ fassen wir uns ringsum an den Händen

3. Jedes nach seinem Geschmack und auf seine Art und Weise

Entspannung und gute Stimmung sind beim Essen ist das Wichtigste. Jeder sollte nach seiner Fähigkeit, seinem Alter und seinen Vorlieben essen dürfen. Keiner muss den Teller leer essen. Das Baby bekommt Fingerfood und liegt zur Not auf dem Tisch, wenn es noch nicht sitzen kann. BLW* ist King für Familien mit Babys. Aurelia muss kein Fleisch essen, Papa darf aber, wenn er will. Peter darf nochmal aus der Nuckelflasche trinken, obwohl er schon fünf Jahre alt ist – warum nicht, wenn’s Spaß macht? Sophia isst keine Brotrinden, die bestreicht sich dafür Mama mit dick Butter. You get it: Just let it go. Wenn Ihr beim Essen tolerant und entspannt seid, was die Essgewohnheiten der Kinder betrifft, erspart Ihr Euch viel Stress. Das ist viel mehr wert als die 0,1mg Vitamin C, die in dem verschmähten Stück Paprika dringewesen wären. In unseren Breiten sind Kinder in aller Regel mit allen Nährstoffen gut versorgt, auch wenn sie nicht bei jeder Mahlzeit Frischkost oder Gemüse essen.

* BLW = Baby Led Weaning, die entspannteste Form, Babys an Beikost und Familientisch zu gewöhnen

4. Zuhören und Ausreden-Lassen

Mir ist es ganz wichtig, dass wir am Tisch einander zuhören. Ich bin alles andere als geduldig und neige dazu, andere zu unterbrechen, wenn es mir nicht schnell genug geht. So ist das Zuhören, Einander-Ansehen und Ausreden-Lassen am Tisch auch für mich eine gute Übung. Ich glaube: Wenn es uns gelingt, anderen wirklich zuzuhören und sie ausreden zu lassen, wird die Welt ein Stückchen besser. Nicht durch Reden, sondern durch Zuhören wird man klüger. Ganz besonders bei Kindern.

5. Einander bedienen

Ich finde es besonders schön, wenn wir einander beim Auftun, Brotschmieren und Herumreichen der Schüsseln helfen. Wenn man sich gegenseitig hilft, wird insgesamt langsamer agiert, da man gelegentlich auf etwas warten muss. Damit wird auch langsamer gegessen. Das tut nicht nur der Verdauung gut, sondern sorgt auch für Entschleunigung im oft so hektischen Alltag. Und alle üben sich darin, anderen einmal zu Diensten zu sein und zu warten. Wenn die Kinder mitbekommen, dass wir geduldig sein können und anderen gern aushelfen, werden die Kinder das auch irgendwann mit Freude tun.

6. Kein Spielzeug, keine Telefone oder Medien am Tisch

Eigentlich selbstverständlich, aber ganz sicher nicht überall Usus: Smartphones und andere Telefone, aber auch Kinderspielzeug bleiben weg vom Tisch. Bei einer gemeinsamen Mahlzeit sollte auch kein Fernseher oder Radio laufen, wenn man Wert auf die positiven Effekte der Familienmahlzeit legt. Nur so können wir uns aufeinander einstellen, nur so kann Gemeinschaft und Verbindung entstehen wie oben beschrieben. Bei uns ist es manchmal nicht einfach, das Spielzeug außer Reichweite zu bringen, da oft Gebasteltes, Gefundenes oder Aus-dem-Ranzen-Geräumtes auf dem Regal direkt am Tisch liegt. Da wir aber wirklich darauf achten, dass wenigstens für die Zeit, so lange noch eine/r isst, niemand Spielzeug oder Telefon zur Hand nimmt, ist das mittlerweile selbstverständlich geworden.

7. Spiele ohne Spielzeug spielen

Dafür spielen wir, wenn die Luft raus ist oder die Kinder schon fertig gegessen haben und Mama noch kaut, manchmal Spiele am Tisch, für die man kein Spielzeug braucht. Dazu gehörte ganz früher einmal „Ich sehe was, was Du nicht siehst“, mittlerweile haben wir bzw. die Kinder eigene Spiele erfunden, die hier Hochkonjunktur haben. Eins, das bei uns besonders beliebt ist, heißt „Tiere raten, Klamotten sagen“. Dabei denkt sich einer ein Tier aus und dazu ein möglichst skurriles Kleidungsstück, das dieses Tier trägt (ein Wildschwein mit Tütü, ein Regenwurm mit Jeans…). Er oder sie nennt den anderen das Kleidungsstück, und die anderen müssen nun das Tier dazu erraten, indem sie nur Fragen stellen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können.

8. Kein Streit, sondern Geschichten erzählen

Ganz wichtig ist es, dass bei gemeinsamen Mahlzeiten nicht gestritten wird, denn dann ist der gute Effekt des Familientisches weg. Bitte, liebe Eltern: Verschiebt Eure etwaigen Auseinandersetzungen auf einen anderen Zeitpunkt und zankt am Tisch nicht mit Euren Kindern. Verschütteter Saft kann doch weggewischt werden. Verkneift Euch möglichst das Gestöhne und Gemecker, das Kind macht das nicht absichtlich und weiß selbst, dass das jetzt nervt, reicht besser dem Kind stumm einen Lappen und lasst es machen. Die Restpfütze könnt Ihr ja noch wegwischen.

Viel besser ist es, Geschichten und Begebenheiten aus dem eigenen Alltag zu erzählen. Ich erzähle gern auch etwas, das mich genervt, gestört oder verletzt hat. So werde ich das los und die Kinder bekommen mit, dass auch Papa oder Mama manchmal etwas Unangenehmes oder Ungerechtes geschieht, und dass das zum Leben dazu gehört.

Wir bemühen uns, all diese acht Regeln für unsere Essen am Familientisch einzuhalten. Das gelingt natürlich nicht immer – so trötet die Kleine zum Beispiel manchmal Fäkalworte anstatt beim „Piep, piep, piep“ mitzusprechen, man unterbricht sich doch oder redet durcheinander, oder es wird doch mal gemeckert, wenn zum dritten Mal das Wasserglas umgestoßen wird. Aber im Großen und Ganzen verbringen wir schöne, ja oft total witzige Stunden am Tisch. Ich jedenfalls hoffe, dass meine Kinder gern an unsere gemeinsamen Momente am Familientisch zurückdenken, wenn sie groß sind.

 

PS: Für die Tisch-Dekoration eignen sich übrigens super die jahreszeitlichen Seidentücher oder die (günstigeren) Baumwolltücher. Die Seidentücher sind zur Jahreszeit passend in schönen Farben zusammengestellt. Auch aus Baumwolle gibt es jahreszeitliche Sets, für eine zurückhaltende Tischdecke sind diese mit 105 cm Seitenkante jedoch recht groß. Da ist das Set mit 8 Tüchern à 50 cm Seitenkante eine tolle Wahl. Die gibt es in Pastell- und in kräftigen Tönen.

Und hier noch ein Tipp für wunderschönes Kinder-Essgeschirr aus Bambusfasern – viel besser und ökologischer als Plastik-Geschirr.

 

 

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