Warum es für Familien gut ist, ein ganzes Wochenende nur zu gammeln

Wie wir dieses Wochenende mit den Kindern wunderbar gegammelt haben, und warum wir deshalb überhaupt kein schlechtes Gewissen haben, habe ich heute für Euch aufgeschrieben:

Draußen ist es die Tage kalt, nass und nieselig. Mein Mann nennt solches Wetter “Bleib-im-Bett-Wetter”. Wenn wir keine Kinder hätten, wären wir am gestrigen Sonntag wahrscheinlich wirklich den ganzen Tag im Bett geblieben, hätten Filme geguckt und uns leckeres Essen liefern lassen. Geht aber leider mit zwei kleinen Kindern und ohne Großeltern in der Nähe nicht.

I.

Wir hatten eine ereignisreiche Woche mit Kindergeburtstag, Verwandtschaftsbesuch und einer traurigen Nachricht. Am Samstag noch vor dem Frühstück kam die traurige Nachricht und dann rief eine Freundin an. Sie fragte, ob wir mit den Kindern spontan mit zu einer Kindervorstellung in die Oper kommen wollten, ihre Verabredung hätte gerade abgesagt und die Karten würden sonst verfallen. Ich dachte sofort: “Wir machen fast nie so tolle Sachen mit den Kindern wie in die Oper gehen, jetzt solltest Du sofort ‘Ja!’ schreien, die Kinder anziehen, ein paar Stullen schmieren und losrennen – die Freundin hast Du auch schon lange nicht mehr gesehen…” Aber da war die traurige Nachricht, und ich fühlte mich nach nichts weniger, als die ungefrühstückten Kinder anzuziehen und unter Zeitdruck im Nieselregen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Oper zu hetzen. Ich bat um fünf Minuten Bedenkzeit.

Ich setzte mich rasch an den Laptop und checkte, welche Straßenbahn wir nehmen müssten, um es rechtzeitig zur Oper zu schaffen. 28 Minuten bis zur Abfahrt der Bahn, das würde reichen, wenn wir uns beeilten. Trotz der knappen Zeit konnte ich es nicht unterlassen, ganz kurz zu Facebook zu switchen. Ich scrollte nur eine Minute durch meine Timeline und traute meinen Augen nicht – mehrere Mütter und Elternblogger hatten ihre Wochenend-Pläne gepostet. Die Pläne reichten von Brunch-Besuch über Kuchenbacken bis zum Museums- und Zoobesuch. Bei fast allen stand mindestens eine oder zwei Unternehmungen oder Verabredungen pro Tag auf dem Programm.

Ich war überwältigt. Was die alles schaffen! Was die ihren Kindern bieten, wie toll sie ihre Freundschaften pflegen! Ich schaute aus dem Fenster. Es war grau. Besser gesagt, grau in grau. Es regnete, Tropfen wehten gegen die Fensterscheiben, die Zweige der Bäume wehten im Wind. Uaaaarr! Kalt und nass war es draußen. Drinnen war es warm und gemütlich, aus der Küche roch es nach Kaffee. Die Kinder sprangen im Schlafanzug im Kinderzimmer rum und pusselten jedes in seiner Ecke mit Papier respektive Puppe und Tüchern. Die traurige Nachricht fiel mir wieder ein und mir wurde ein wenig weh. Und da wusste ich plötzlich: Wir bleiben dieses Wochenende einfach drinnen. Wir müssen nicht in die Oper, wir müssen uns nicht zum Brunch verabreden, wir müssen nicht ins Aquarium. Wir müssen gar nichts!

Ich rief meine Freundin zurück und sagte den Opernbesuch ab. Zugegeben, es tat ein bisschen weh. Aber dann machte ich ganz in Ruhe Frühstück und freute mich, dass die Kinder währenddessen spielten, ohne fünfmal angerannt zu kommen. Mein Mann deckte den Tisch. Während das Rührei in der Pfanne stockte, dachte ich darüber nach, warum ich ein so gutes Gefühl dabei hatte, das ganze Wochenende nichts vorzuhaben, ja, warum ich der Meinung bin, dass es für Familien mit kleinen Kindern sogar besser ist, an Wochenenden wenig bis gar nichts zu unternehmen.

II.

Alle haben etwas vom Gammeln!
Ich finde nicht, dass alles, was man tut, pädagogisch wertvoll sein muss. Es kann auch einfach nur Spaß machen oder sich richtig anfühlen. Das Wochenende zu vergammeln, fühlte sich für mich dieses Wochenende richtig an, denn es entsprach der Stimmung und dem Wetter. Nichts vorzuhaben, war entspannend und beruhigend. Zwei Tage lang keine Termine und Verpflichtungen, maximal ein Lebensmitteleinkauf stand bei uns auf dem Programm. Zur Not wären wir auch ohne diesen ausgekommen — wir haben das Glück, in Berlin zu jeder Tages- und Nachtzeit leckeres Essen bestellen zu können, und außerdem haben wir immer ein paar Vorräte im Haus, aus denen man etwas kochen kann. Pfannkuchen, Getreide-Gemüse-Bratlinge, Nudeln mit Tomatensoße, eine einfache Suppe oder Kartoffeln mit Quark oder Butter können wir jederzeit aus Vorräten und Gemüseresten auf den Tisch bringen.

Es ist trotzdem gut zu wissen, dass auch Experten für das Gammeln plädieren: Langeweile ist etwas Gutes, vor allem für Kinder. Dass der Pädagogik-Guru Jesper Juul dafür plädiert, dass Kinder sich öfter langweilen sollen und warum, weiß inzwischen fast jeder: weil aus Langeweile Kreatives entsteht, weil aus Langeweile innere Ruhe erwächst, die soziale Kompetenz fördert, weil Langeweile die Selbstwirksamkeit und Selbstwahrnehmung befördert, weil Langeweile das Muster des ständigen Konsumierens durchbricht.

Ich sage: Auch wir Erwachsenen müssen uns wieder langweilen. Wir und viele andere arbeitende Eltern hetzen unter der Woche von Verpflichtung zu Verpflichtung. Wir  sind unter enormem Druck und eigentlich die ganze Woche lang überfordert, schaffen nie alles, was zu schaffen wäre. (Das Internet ist voll von solchen Berichten; Esther von den Mompreneurs hat gerade erst darüber geschrieben, wie es weitergeht, wenn nichts mehr geht.) Auch wir Erwachsenen müssen wieder lernen, “leer” zu werden. Auch wir müssen wieder zu unseren Bedürfnissen und Lüsten zurückkehren, und uns nicht immer von vornherein mit Terminen und Verpflichtungen zukleistern.

Auch unsere Kinder treiben wir ständig zur Eile an. “Beeil dich, wir sind schon spät!” — “Jetzt zieh dich endlich an, wir müssen los!” – “Trödel doch nicht schon wieder so!” – das sind Sätze, die sicher jeder schon mal zu seinem Kind gesagt hat, und wahrscheinlich viel zu oft.

Wie sollen unsere Kinder achtsam werden und auf ihr Bauchgefühl hören lernen, wenn wir sie und uns immer nur von Termin zu Termin hetzen? Wir klagen ständig, dass wir zu viel zu tun haben, und nehmen uns doch immer viel zu viel vor. Woran erinnern wir uns, wenn wir uns an die Sonntage unserer Kindheit erinnern? Ich erinnere mich an viele wundervoll in Ruhe vergammelte Sonntage. An denen meine Brüder und ich in die Bezüge unserer Bettdecken schlüpften und damit durch die Wohnung robbten, an denen ich sämtliche “Trotzkopf”-Bände verschlang, oder wir einfach Witze machend auf dem Sofa herumhingen, während wir aufs Mittagessen warteten. Wenn ich an diese herrlich entspannten Sonntage zurückdenke, habe ich das Gefühl, dass die Zeit sich damals ins Unendliche gedehnt hat. Vergangene Zeiten!

Dagegen hört man heute überall die Klagen der Mütter, sie hätten keine Zeit mehr, besonders nicht “für sich selbst”. Als Ratschlag wird dann meist gegeben, man müsse sich öfter etwas nur für sich selbst gönnen – etwas Wellness am Wochenende, eine Massage, ein Museumsbesuch ganz allein. Aber wer, bitte, schafft das auch noch? Jede Massage, jede Maniküre, jeder Museumsbesuch ist ein weiterer Termin, der irgendwie untergebracht werden muss, wo eh schon keine Lücke ist. Auch die Erholung vom Stress wird so zum Stress.

Und was macht der ständige Zeit- und Erledigungsdruck mit unseren Kindern? Gerade kleine Kinder bis drei, vier Jahre brauchen nicht viel, um glücklich zu sein. Sie brauchen keinen Zoobesuch, sie brauchen keinen Brunch mit Freunden der Eltern, sie brauchen keine Autofahrten zu Vergnügungsparks, und sie brauchen erst recht kein Entertainment wie Theater oder Kinderoper. All das ist gut und schön, hat aber Zeit, bis die Kinder das auch wirklich verkraften und verarbeiten können. Das ist erst im späteren Kindergartenalter bzw. im Grundschulalter der Fall.

Wir Eltern wissen alle, wie anstrengend Unternehmungen mit Kindern sind. Das geht ja mit dem Anziehen und Einpacken los. Bis man endlich mit allen angezogen und gebürstet im Auto sitzt, ist man oft schon schweißgebadet. Und dann geht immer etwas schief, ein Kind hat keine Lust mehr, es geht Kacka in die Hose und man hat die Ersatzwindeln vergessen oder weiß der Teufel, was da alles so passiert. Eins heult immer. Und wer hat wirklich was vom Ausflug? Wenn wir ehrlich sind: Die kleinen Kinder nicht. Und wir? Wir können zwar von einem ereignisreichen Wochenende erzählen, aber entspannt haben wir uns bestimmt nicht. Da war so viel Vorbereitung, Einpacken, Fahren, Anziehen, Antreiben, Ermahnen…

Eins ist sicher: Kleine Kinder unter vier (ich würde sogar sagen: bis mindestens fünf) sind am glücklichsten und entspanntesten in ihrer vertrauten Umgebung, mit vertrauten Menschen und vertrauten Abläufen. Alles Neue, Unbekannte, Ungewohnte bedeutet für sie Stress. Sie sind ja so lieb und machen meistens mit, was wir wollen, aber brauchen tun sie es nicht.

Aus all diesen Gründen plädiere ich für mindestens ein, besser zwei Gammel-Wochenenden pro Monat für die ganze Familie. Das bedeutet: keine Termine, keine Verabredungen, und am besten auch: keine sozialen Medien für die Eltern. Filme gucken ist OK, so lange es nicht zu viel wird und zu sehr die Langeweile untergräbt. Denn Langeweile gehört an einem Gammel-Wochenende unbedingt dazu.

III.

Wie war es schön! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal auf dem Sofa saß und nicht wusste, was ich jetzt machen sollte. Es gab keinen Kuchen zu backen, Essen wollten wir bestellen, Arbeit, Facebook und Wäsche hatte ich mir verboten. Endlich sprach ich ihn einmal aus, den Satz, den ich viel zu selten ausspreche: “Kinder, wollen wir etwas zusammen spielen?” Wie glücklich waren die Kinder, diesen Satz endlich einmal von MIR zu hören. Wir spielten eine Stunde lang zusammen Puppenkrankenhaus (Alle Puppen hatten eine “Darmentzündung” und kriegten fiese Spritzen), und als ich auf’s Klo musste, spielten sie ganz allein weiter. Sie waren so glücklich, nicht rauszumüssen, und ich war glücklich, dass wir endlich mal alle Zeit der Welt hatten und ich die Kinder nicht zum Anziehen für Draußen antreiben musste. DAS war Erholung und Entspannung, viel besser als ein fiktiver Massage-Termin!

Nach dem Mittagessen vom vietnamesischen Bestellservice setzten wir die Kinder vor den Computer und machten ihnen einen langen Film an. So what? Die Kinder waren glücklich und hatten bis dahin stundenlang total schön gespielt. Und wir legten uns auch ins Bett und machten einen wunderschönen Mittagsschlaf…

Den Rest des Wochenendes verbrachten wir mit Vorlesen, Essen, Spielen und Gammeln. Ich las irgendwann das Buch zu Ende, das ich schon so lange zu Ende lesen wollte. Wir spielten endlich mal wieder “Schwarzer Peter” mit der großen Tochter. Ich gab mich dem leicht gelähmten Gefühl wegen der traurigen Nachricht hin, blieb am Sonntag Mittag zwei Stunden im Bett liegen und ließ den Mann die Kinder betüdeln. Das war viel besser als jede Wellness! Erst am Sonntag Nachmittag gegen 16 Uhr hatte ich das Gefühl, dass frische Luft gut tun könnte. Zu meinem Erstaunen äußerste das kleine Kind ungefragt den gleichen Wunsch: “Ich will raus!” So zogen wir uns an – ohne Stress, denn das Kind wollte ja raus und zog sich tatsächlich selbst an. Mit Absicht nahmen wir uns nur vor, einmal durch den Park zu gehen und das Kind das Tempo bestimmen zu lassen. Das große Kind wollte nicht raus, und wir schlugen ihm vor, es könne ja, da es ja schon so groß sei, allein zu Hause bleiben, bis wir zurückkommen. Das große Kind war super stolz und total glücklich, nicht raus zu müssen.

Draußen war es kalt und es regnete. Das Kleinkind rannte in Gummistiefeln durch den Park – wir fröstelten. Das Kind patschte durch Pfützen – wir froren. Nach 20 Minuten hatten wir genug. Es war ein tolles Gefühl, sich das rasche Wieder-Reingehen ohne schlechtes Gewissen zu erlauben, da ja nur Gammeln auf dem Programm stand. Die Große öffnete uns die Tür und war noch stolzer als zuvor: Sie hatte sich in unserer Abwesenheit den Wackelzahn rausgefummelt und hatte jetzt eine Riesen-Zahnlücke und ein blutiges Taschentuch in der Hand.

Mein Fazit: Ein Gammel-Wochenende ist einfach nur super. Besonders empfehle ich solche Wochenenden nach ereignisreichen und anstrengenden Wochen, oder wenn es einem nicht so gut geht.

Gammeln und Langeweile sind gut für die Seele. Und zwar für Kinder und Erwachsene!

 

 

 

5 Kommentare, RSS

  1. Avatar

    Thomas 26. Februar 2016 @ 11:29

    Großes Lob! Wunderschöner und interessanter Blog.
    LG Thomas

    • Maike Cölle

      Maike Cölle 26. Februar 2016 @ 21:46

      Vielen Dank, Thomas! <3

  2. Avatar

    Lena 7. April 2016 @ 10:58

    Liebe Maike,

    ein wunderbarer Artikel! Ich fühle mich direkt entspannt, als hätte ich mit gegammelt und vor allem bestärkt darin, dass es völlig ok und richtig ist, wenn ich unsere Tage auch gerne Terminlos vorüberziehen lasse. Ich hatte nie das Bedürfnis ständig etwas unternehmen zu müssen und auch jetzt mit kleinem Sohn hat sich das nicht geändert, eigentlich. Denn der Druck durch außen, was Kurse, Veranstaltungen usw. angeht, ist wirklich hoch. Verpasst mein Kind was, fehlen ihm Anregungen, Lernerfahrungen?

    Ich werde mir deine Gedanken in Erinnerung rufen, wenn sich Zweifel und schlechtes Gewissen mal wieder melden.

    Ich freue mich, deine Texte hier entdeckt zu haben. Ich habe mich schon durch einige durchgelesen und deine Art und Weise gefällt mir sehr!

    LG, Lena

    • Maike Cölle

      Maike Cölle 7. April 2016 @ 11:15

      Liebe Lena,
      das freut mich sehr! Tatsächlich glaube ich, dass Kinder unter sieben nicht viel brauchen außer Spielen und einer geborgenen Umgebung. Kurse und Frühförderung sind völlig überflüssig. Denke an Dich selbst — wurdest Du früh gefördert? Ich nicht! Ich hatte auch nicht viele Anregungen, tatsächlich habe ich mich an den Wochenenden meiner Grundschulzeit oft gelangweilt und viele Spielsachen hatten wir auch nicht. Und ich habe mein Abi mit 1,2 gemacht 🙂
      Ich danke Dir sehr für Deine freundlichen Worte (denn auch eine ehemalige Einser-Abiturientin weiß nie, ob sie wirklich gut ist 🙂 und freut sich über Komplimente. You made my day! <3

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