Warum ist das so anstrengend? Was bei der Vereinbarkeits-Frage vernachlässigt wird

Was wirklich den Ausschlag gibt, ob man Kind und Job entspannt unter einen Hut bringt, darum geht es heute. In den zahllosen Vereinbarkeit-Artikeln online und offline werden zu meinem Erstaunen nämlich drei wesentliche Faktoren oft unterschlagen:

Wir kommen gerade mal wieder an unsere Grenzen. Bei meinem Mann hat sich eine Job-Chance ergeben, die er ergreifen MUSSTE und die mit sich bringt, dass er eine Weile mehr arbeiten muss. Auch bei mir stapeln sich die beruflichen ToDos und ich komme nicht hinterher. Bis Ende Mai müssen wir umziehen und das neue Häuschen noch renovieren. Und dann haben wir seit Januar mit Krankheiten zu kämpfen – mal wir, mal die Kinder, Ihr kennt das ja.

Seit Wochen haben wir das Gefühl, dass wir nicht mehr können.

Wir gehören eindeutig zu den Familien, bei denen Krankheit oder Extra-Aufgaben wie ein Umzug eigentlich nicht zu bewältigen sind. Wir wissen nicht, wie wir das schaffen sollen, denn wir sind auch ohne Extras schon tagtäglich von früh um sechs bis abends um neun ohne Pause mit Arbeit, Kindern, Haushalt und Administration beschäftigt.

Aber ich kenne durchaus Familien, die die Jonglage mit Arbeit und Kindern wunderbar hinkriegen und sogar mit drei oder gar vier Kindern noch entspannt sind. Ich kenne sogar Alleinerziehende, die mehr Freizeit bzw. Zeit für sich selbst haben als mein Mann und ich. Ich beobachte das schon länger und wundere mich, warum wir das eigentlich nicht „hinkriegen“. Denn wir sind top organisiert und sprechen uns super ab. Seit einer Weile schaue ich genauer hin, was bei diesen Familien anders läuft als bei uns. Und bin dabei auf Gründe gestoßen, die eigentlich ganz offensichtlich sind, aber in den vielen Vereinbarkeits-Artikeln kaum Erwähnung finden.

Denn es ist ganz sicher nicht nur eine Frage der Organisation. In meinen Augen sind es folgende drei Faktoren, die beeinflussen, ob ein entspanntes Familienleben mit zwei berufstätigen Elternteilen gelingt oder nicht.

Der wichtigste Faktor zuerst:

1. DER GROSSELTERN-FAKTOR

Wer Großeltern oder andere Verwandten in Reichweite hat, die er für die Kinderbetreuung nicht bezahlen muss, hat einen immensen, wirklich IMMENSEN Vorteil. Großeltern sind unschlagbare Vereinbarkeits-Erleichterer: Sie sind oft Rentner und damit relativ bis sehr flexibel. Im besten Fall kann man ihnen die Kinder spontan anvertrauen und die Kinder sind dabei sogar noch in der Familie. Oma und Opa genießen die Zeit mit ihren Enkeln und wären beleidigt, wenn man sie für die Betreuung bezahlen würde.

Das macht sie so wertvoll. Denn Kino und Was-Trinken-Gehen mit Babysitter muss im Voraus geplant werden und kostet mindestens 80 Euro (22 Euro für die Kinokarten, 18 Euro für die Drinks, 40 Euro für 4 Stunden Babysitter). Mit Großeltern kostet es nur die Hälfte und kann ggf. sogar mal spontan stattfinden.

Es ist ja nicht immer Kino, was man mit dem Partner gern mal allein machen würde. Eine Küche planen, etwas Wichtiges in Ruhe besprechen (und dabei nicht todmüde sein), eine Beileids-Karte schreiben und persönlich abliefern, gemeinsam ausmisten, von einem Kuschel-Nachmittag im Bett ganz zu schweigen — all das geht und leisten sich die meisten doch nur, wenn man keinen Babysitter bezahlen muss.

2. DER TV-FAKTOR

Wer seine Kinder fernsehen bzw. Filme schauen lässt, hat mehr Zeit und Ruhe und schafft dadurch mehr. Ganz einfach. Wer Wert darauf legt, dass die Kinder sich anders beschäftigen als vor der Glotze zu sitzen, oder wer mit ihnen zusammen den Alltag gestaltet und bestreitet, schafft nicht so viel. So einfach ist das.

3. DER ONLINE-FAKTOR

Vieles spielt sich heute online ab und gaukelt uns dadurch vor, dass es schneller und bequemer ist. Aber tatsächlich beschleunigt sich alles nur und erzeugt mehr Druck. Früher hat man ein paarmal im Jahr einen Film zum Fotoladen gebracht, zwei Wochen später zehn von den 36 Fotos aussortiert und den Rest im Umschlag gelassen oder irgendwann ins Fotoalbum geklebt. Heute sind wir gefühlt alle paar Tage mit der Archivierung und Sortierung unserer Digital-Fotos beschäftigt. Und so verhält es sich mit allem: Für alles muss man jetzt online gehen, und wenn man einen taffen Job hat, schafft man das nicht während der Arbeitszeit: Online-Banking, Bestellungen, Recherchen, Artikel, Facebook, Pinterest, Stromrechnung, Spendenquittungen, Glückwünsche, der Blumenstrauß zum Muttertag usw. Dabei dauert z.B. der eigentliche Bestellvorgang nicht lange, aber die Recherche und das Vergleichen vorher fressen mehr Zeit, als wir glauben. Von den sozialen Medien ganz zu schweigen — das wissen wir ja alle. Und weil alles so viel ist, bringen wir Vieles nicht zu Ende.  Es bleiben immer Vorgänge in unserem Gehirn offen. Ein Freund von mir hat es kürzlich einmal treffend formuliert: „In meinem Gehirn sind immer viel zu viele Tabs offen!“ Diese offenen Tabs rauben uns dann nachts auch noch den Schlaf.

Wer auf Online-Getue verzichtet (wie die eine entspannte Familie mit den vier Kindern, die ich kenne), und seine/ihre e-mails nur maximal einmal abends checkt, der ist VIEL, VIEL, VIEL entspannter. Denn er/sie kann sich viel besser auf das konzentrieren, was gerade ist.

Was lernen wir daraus?

1. Wer keine Großeltern in Reichweite hat, seine Kinder nicht oder wenig fernsehen lässt, viel online macht und viele Kontakte pflegt, hat es viel, viel schwerer, den Alltag mit Kind und Kegel, Job und Familie entspannt auf die Reihe zu kriegen.

2. Wer das Glück hat, seine Kinder öfter bei Oma und Opa oder anderen Verwandten abgeben zu können, der sei ganz doll dankbar. Ihr habt einen riesengroßen Vorteil.

Mein Tipp: unbedingt mal außer der Reihe danke sagen!

 

 

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfleder sind markiert *

*

Simple Share Buttons