Warum Kinder beim Anziehen “bocken” und was wir dagegen tun können

Mein Kind wollte sich mal wieder nicht anziehen. Was hinter kindlichen Wutanfällen beim Anziehen steckt, und was man tun kann, um die Situation würdig für alle Beteiligten zu lösen. Und was der Kindergarten damit zu tun hat.

In diesem Artikel stellt ich die These auf, dass Kinder deswegen oft “Theater” ums Anziehen machen, weil sie lieber bei uns sein wollen als in den Kindergarten zu gehen. Ja, vermutlich eine ketzerische These. Aber von vorn und der Reihe nach:

“Ich zieh das nicht an!!!!!!!”

Es fing ganz harmlos an – das Kind wollte sein neues Prinzessinnen-Kleid anziehen und nicht das schöne Pony-Kleid, das ich für es ausgesucht hatte. Normalerweise kriegt sich das Kind beim Anziehen nach einiger Zeit von selbst wieder ein, wenn’s mal hakt, aber vorgestern ging gar nix. Ich habe nun schon ein paar Jahre Erfahrung bei der Situation “Kind will sich nicht anziehen” und versuchte, die Situation nicht aufzubauschen und dem Kind erstmal sein Frühstück zu verabreichen, denn bei uns hilft oft ganz banal Essen. Aber als das Kind sich nach dem Frühstück immer noch weigerte, und ich meinen Wunsch dann noch einmal klar formulierte, wurde es wütend. Das Kind fing an, laut zu schreien – und wenn dieses Kind schreit, dann wird es wirklich laut. OK, dachte ich, probieren wir es erstmal mit den Stiefeln (das klappt auch manchmal). Sie liebt ihre Stiefel; aber gestern offensichtlich nicht. Voller Wut schleuderte sie beide Stiefel durch den Flur. Als ich auf das Kind zuging, trat es um sich und schrie mich an: “Bleib weg! Bleib weeeg!”

Hinter “Bocken” und “Trotzanfällen” stecken unerfüllte kindliche Bedürfnisse

Ich weiß, seitdem ich Blogs wie Elternmorphose, Unerzogen leben oder Liebevolle Familie lese, dass es bei dem, was wir landläufig als “Zicken”, “Bocken” oder “Trotzanfall” bezeichnen, um etwas anderes, tiefer Liegendes geht als um das, wogegen das Kind sich dem Anschein nach wehrt. Hinter kindlicher Weigerung oder Nicht-Einsicht in das von uns Verlangte steht ein unerfülltes Bedürfnis, das das Kind im Moment nicht anders artikulieren kann als durch Wut und Geschrei. Es ist ein Alarmsignal an uns Eltern: unser Kind braucht uns jetzt besonders dringend! Es braucht unsere Liebe, unsere Aufmerksamkeit, unsere Nähe, unser Verständnis. Deswegen bringen Diskutieren, Reden, Beschwichtigen, Ablenken, gar Schimpfen überhaupt nichts. Im Gegenteil: jeder Versuch, das Kind verbal zu überzeugen oder auf es einzureden, führt zu größerer Wut, ganz bestimmt aber nicht zur Einsicht und braven Ausführung des elterlich als notwendig Erachteten.

Meine Strategien: Ruhe, Trost, Zuwendung, Zeit

Weil mir klar geworden ist, was bei diesen Szenen wirklich dahinter steckt, habe ich für mich Strategien entwickelt, um das Anzieh-Problem würdig für alle Beteiligten zu lösen. Ja, würdig ist das Stichwort. Ein Kind mit Festhalten in seine Klamotten zu zwingen ist nicht nur unwürdig für das Kind, sondern hinterlässt bei allen Beteiligten nur Grauen und Ohnmacht. Ich mache folgendes: ich höre dem Kind zu, bleibe da, bleibe leise, sage möglichst wenig (ou, das fällt mir schwer!), und versuche, Nähe zum Kind herzustellen. Mein einziges Ziel ist es, dass das Kind sich anfassen, hochnehmen und auf den Schoß setzen lässt, so dass ich es durch Wiegen und Umarmen beruhigen und trösten kann. Das dauert manchmal seine Zeit. Manchmal summe ich eine kleine Melodie, die oft zunächst vom Wutgeschrei des Kindes übertönt wird. Manchmal sage ich leise “Ja, Du bist wütend, das ist OK,”  oder “Ich sehe, Du bist verzweifelt. Das darfst Du sein.” Das sind eher Beruhigungs-Mantren für mich selbst, denn es fällt mir manchmal gar nicht leicht, ruhig und gefasst zu bleiben, und das ist letztlich das A und O.

Selbst-Affirmation

Manchmal reichen meine Ruhe und Präsenz aus – das Kind beruhigt sich und macht ganz von sich aus, was ich mir von ihm gewünscht habe. Manchmal frage ich auch: “Wie kann ich Dir helfen? Was möchtest Du?”, aber darauf reagiert mein Vierjähriges noch nicht. Ich denke, es versteht noch nicht, was ich damit meine. Aber es fühlt dadurch, dass ich bei ihm und ihm zugewandt bin, dass ich spüre, dass es verzweifelt ist, dass ich es nicht ablehne, sondern dass ich es unterstütze. Insofern dienen diese Sätze eher der Affirmation meiner eigenen Haltung (ich übe noch, denn auch in mir stecken ganz andere spontane Reaktionsweisen als die, die ich gern anwenden möchte).

Früher aufstehen

Was sich bei uns als äußerst hilfreich erwiesen hat: Wir stehen früher auf, damit wir im Zweifelsfall Zeit haben, solche Situationen ohne Zeitdruck zu durchstehen. Denn Zeitdruck ist Gift, pures Gift. Wir planen extra zwanzig Minuten für Eventualitäten dieser Art ein. Die kann man an Tagen, wo alles mit dem Anziehen glatt geht, auch mit Vorlesen und Kuscheln verbringen. Das ist eine Wohltat und eine Portion Nähe und Geborgenheit für alle, bevor der durchgetaktete Tag beginnt.

Meine These: Das Kind will lieber bei uns sein.

So, und jetzt zu meiner These. Ich bin mittlerweile sicher, dass das Anzieh-Problem, das so viele Eltern mit ihren Kindern durchmachen, nur aus einer Quelle stammt: Die Kinder wollen nicht in den Kindergarten gehen, sondern wollen lieber bei uns bleiben. Ja genau – das wollen wir gar nicht hören und wissen. Wir wollen ja schließlich, dass unser Kind gern in den Kindergarten geht (oder raus oder zum Besuch zu Tante Iris). Es ist doch auch so ein schöner Ort, den wir mit Mühe und vielen Zweifeln im Herzen ausgesucht haben. Und die Eingewöhnung ist doch ganz gut gelaufen, und die ErzieherInnen sind nett… Und es geht ja auch nicht anders, weil wir arbeiten müssen! Es führt ja auch kein Weg dran vorbei, Herrgott nochmal!

Ihr glaubt meine These nicht? Tja. Ich auch lange nicht, oder ich habe die Ahnung erfolgreich verdrängt. Aber beim zweiten Kind habe ich manchmal das Glück, direkt serviert zu bekommen, was Sache ist, sobald das Kind sich beruhigt hat. Vorgestern war so ein Tag. Als es mir nach langen zwanzig Minuten endlich gelungen war, das Kind auf meinen Schoß zu ziehen, weinte es plötzlich ganz bitterlich los (nicht mehr wütend wie vorher), schmiegte sich an mich und stieß unter Tränen hervor:

“Mama… ich will nicht in den blöden Kindergarten… ich hasse es, allein im Kindergarten zu sein… ich sehne mich den ganzen Tag nach Dir, ich bin da so einsam, und ich hasse das… ich will das nicht, den ganzen Tag einsam sein…”

Es brach mir das Herz. Meine Gefühle schwankten zwischen tiefstem Mitleiden, größter Zärtlichkeit, aber auch Dankbarkeit und Stolz. Dankbarkeit dafür, dass meine Zuwendung und Nähe bewirkt, dass mein Kind sich mir offenbart und mir vertraut, und Stolz, dass mein gerade Vierjähriges seine Gefühle so gut wahrnehmen und ausdrücken kann.

Aber das ändert leider alles nichts an der Tatsache, dass mein Kind sich nach mir sehnt, wenn es im Kindergarten ist. Alles ist gut in unserem Kindergarten, er ist der beste von Welt. Unser Kind spielt dort fröhlich, oft holen wir es als Mittagskind ab, und die Erzieherinnen sind die liebevollsten, die man sich denken kann. Das weiß ich ganz sicher.
Und trotzdem will mein Kind lieber bei mir sein.

Ich will hier jetzt kein Fass aufmachen à la “frühe Fremdbetreuung – ja oder nein”. Ich stehe voll hinter unserem Entschluss, die Kinder zur Tagesmutter und in den Kindergarten gehen zu lassen, einfach weil bei uns die Umstände eben entsprechend sind (unter anderem liebe ich meine Arbeit sehr und genieße meine kostbare kinderlose Zeit über alle Maßen). Aber ich will auch nicht die Augen verschließen vor dem Fakt, dass mein Kind ganz sicher lieber bei mir wäre als im Kindergarten. Und das jeden Tag.

(Mir ist auch bewusst, dass das Thema “Anziehen” noch andere Aspekte hat als die hier genannten, z.B. Hypersensibilität bei bestimmten Stoffen oder Kleiderformen, danke Ruth, für den Hinweis — kenne ich selbst nur allzu gut vom größeren Kind, aber ich will mich hier mal auf den einen Aspekt beschränken, weil er wahrscheinlich vielen Leuten gar nicht in den Sinn kommt.

Mein Appell:

Machen wir uns bitte nichts vor, und vor allem: Verurteilen wir keinesfalls die Mütter, die ihre Kinder zu Hause behalten (solange sie sie nicht vernachlässigen oder den ganzen Tag vor der Glotze parken). Und wenn das Kind sich mal wieder nicht anziehen will, oder wenn es wegen einer Kleinigkeit “bockt”, wütet und schreit, sehen wir darin bitte das, was es ist: Eine Liebeserklärung an uns, und eine direkte Aufforderung an uns, dem Kind Nähe, Zuwendung und unser Herz zu schenken.

Und nun los: Wer sieht das anders? Wer stimmt zu?

 

25 Gedanken zu „Warum Kinder beim Anziehen “bocken” und was wir dagegen tun können“

  1. Avatar eleni Angermeir sagt:

    so so schön beschrieben und geschrieben! Mit Mut und Liebe! ☆Bravo☆♡

    1. Maike Cölle Maike Cölle sagt:

      Danke, Eleni, das freut mich sehr. So etwas ist so schön zu hören <3

      1. Avatar Daniela sagt:

        Ich habe hier eher das Problem mit dem Ausziehen. Außer Jacke klappt das bei sonst nichts.
        Wenn es draußen wärmer geworden ist als gedacht, bekomme ich den Pulli nicht ausgezogen, auch wenn schon geschwitzt wird.
        Das größte Problem ist aber umziehen, morgens und abends. Wobei Abends schwerer ist, sie sind schon müde aber möchten nicht. Sie legen sich dann einfach irgendwo hin und ich darf nichts machen. Also kein Wutanfall oder so, ich darf einfach nichts machen. Umso länger ich es dann hinziehen, umso schwerer wirds. Selbst möchten sie sich nicht umziehen. Ich kann das schon verstehen dass der Schlafanzug oder die anderen Sachen gerade so bequem sind, aber das hilft mir nicht.

        Ich habe Zwillinge im Alter von 3 Jahren

        1. Avatar Yasmin sagt:

          Ist bei uns exakt dasselbe abends und es wird einfach alles verweigert, selbst umziehen, helfen lassen, Fehlanzeige. Sie liegt (3 3/4) einfach nur auf dem Teppich und pult an ihren Füßen und tut nichts. Wenn wir sie bitten, sich fertig zu machen, um zu lesen, schreit sie uns an.

          Gibt es hier auch einen Tipp?

          1. Avatar Ellen sagt:

            Hallo liebe Jasmin,

            in der Situation würde ich einmal zwei Dinge ausprobieren. Wenn es tatsächlich durch das “Nicht-Umziehen” zu spät für das Vorlesen wird, fällt das Vorlesen notgedrungen aus. Du kannst auch noch probieren, zu ignorieren, dass deine Tochter sich nicht umzieht. Es ist gut möglich, dass sie sich dann in der Kleidung doch unwohl fühlt und sich ganz selbstständig umzieht.

            Wir drücken ganz fest die Daumen, dass Ihr das An- und Umziehthema bald ad acta legen könnt.

            Liebe Grüße sendet Dein HANS NATUR Team

  2. Avatar eleonora sagt:

    genau so etwas habe ich auch schon vermutet, vor allem bei einem Krippenkind. Es ist sicherlich ein sehr guter Grund für ein kleines Wesen seine Urbedürfnisse auf diese Art und Weise mitzuteilen – die nach Nähe und Geborgenheit in der eigenen Familie.
    Danke für diesen und all die anderen schönen und wirklich hilfreichen Beiträge!

    1. Maike Cölle Maike Cölle sagt:

      Liebe Eleonora, vielen Dank für Deinen Kommentar! Wir freuen uns über so eine schöne Rückmeldung! Danke!!

    2. Avatar Free sagt:

      Mit solchen Erziehungsmethoden macht man es sich nur schwer- denn damit zeigt man dem kind wenn es sich besonders bockig und danebem verhält bekommt es besonders viel aufmerksamkeit trost und liebe… So lernen sie von kleinauf sich daneben zu verhalten um aufmerksamkeit zu bekommen, was sich dann dramatisch im Erwachsenen alter auswirken kann. Bei mir bekommen meine kinder positives feedback wenn sie gut mitmachen . lieben tut man seine kinder ja eh bedingungslos! Meine kleine zieht sich sogut wie immer alleine an ohne gebocke , und im waldkindergarten muss man so einiges anziehen. .wenn ich kindern aufmerksamkeit und trost und liebe also eine belohnung für ein Fehlverhalten gebe, dann kann der schuss aber gewaltig nach hinten losgehen.Oft bei alleinerziehenden müttern angewand aus schlechtem gewissen und die darauffolgende übersorge .ausserdem macht man sein kind emotional abhängiger mit solchen methoden. Ein kind sollte lernen mit seinem frust alleine umzugehen auf eine gesunde art und das kann es nur selbst einen weg finden damit umzugehen. Wenn man jedes mal das kind tröstet wenns frustet da, wird es nicht lernen alleine mit frust fertigzuwerden..dann wird es immer jemand brauchen der es für einen erledigt..

      1. Avatar Annika Sarnow sagt:

        Aufmerksamkeit und Trost und Liebe sind bei dir Belohnung?
        Gefrustete Kinder werden nicht getröstet?
        Dein Kind möchte ich aber nicht sein!
        Ich liebe mein Kind auch bei “Fehlverhalten”…

      2. Avatar sarahdiana sagt:

        Liebe Free,

        ich bin leider ziemlich geschockt über das, was du schreibst. Ein Kind muss mit seinem Frust selbst umgehen? Ein kleines Kind muss aber diese Mechanismen doch erst lernen. Die Hirnforschung ist heute schon so weit, dass man doch weiß, dass das kindliche Gehirn gewisse Dinge, gerade wenn es um Frust geht, schlichtweg nicht k a n n und wir als Eltern haben doch die Aufgabe und Verantwortung übernommen unser Kind zu unterstützen. Belohnung bei gutem Verhalten und Ignoranz/Bestrafung bei Fehlverhalten ist doch ein simples Konditionierungsmodell, wie es heute längst überholt ist? Ich denke, es ist keim Zufall, dass heute gefühlt jeder 3. Selbstständige Coach wird und Selbsthilfe-Bücher, -Seminare etc. den Markt überschwemmen. Wir haben ein Problem in der Gesellschaft, dessen Ursprung in der Kindheit unserer Kinder beginnt. Ausgelöst dadurch, dass wir aus irge deinem Grund gelernt haben, dass Kinder “erzogen” werden müssen, quasi auf Linie gebracht werden. Dabei sind Kinder reine Geschöpfe, die zwar Regeln brauchen, aber keine “Erziehung”, wie sie oft praktizuert wird. Wir brauchen eine andere Sicht auf die Kinder und die Mütter. Und dann ändert sich vielleicht auch wieder etwas in dieser Welt.

        Alles Gute für dich.

  3. Avatar sagt:

    Mein Kind will sich auch oft nicht anziehen lassen, aber wird erst mit 3 in den KiGa gehen 😉
    Bei ihm lag es daran, dass er mehr selbst machen wollte.
    Mittlerweile klappt es meist stressfrei, er darf sich die Kleidung selbst raus suchen und ich helfe nur ein bisschen beim Anziehen, wenn er um Hilfe bittet.

    1. Maike Cölle Maike Cölle sagt:

      Das ist eine sehr gute Lösung. Ja, ich glaube auch, wenn man das ohne Druck macht, klappt es am besten. Liebe Grüße!

  4. Avatar Dani sagt:

    Wunderschön geschrieben! Wir haben das gleiche Problem bei meiner 4jährigen auch seit über einem Jahr, allerdings wird es gerade immer schlimmer. Sie hat jeden Tag einen richtigen Wutanfall bzw. weint sie bitterlich. Egal, wie viel wir mit ihr kuscheln, es wird nicht besser.
    Ich frage mich nur, wieso sie im Urlaub oder am Wochenende auch so ein großes Problem damit hat, sich anzuziehen? Dann hat sie alle Zeit der Welt, sie darf sowieso anziehen was sie möchte und wir verbringen viel Zeit mit ihr.
    Langsam weiß ich einfach nicht mehr weiter… Viele Grüße Dani

    1. Maike Cölle Maike Cölle sagt:

      Liebe Dani, ja, das kann schlimm sein… das hört sich wirklich stressig an. Mir fallen dazu zwei Gedanken ein: Vielleicht mag sie wirklich die Sachen nicht, die sie anziehen soll, also sie stören sie und sie kann es nicht richtig vermitteln. Es gibt sehr empfindliche Kinder – unsere große Tochter ist was Kleider betrifft, auch ganz besonders. Aber Du sagst ja, im Urlaub, wo sie alles anziehen darf, was sie möchte, ist es trotzdem schwierig… Das deutet vielleicht darauf hin, dass es irgendwie schon zu einem “negativen Ritual” geworden ist, der Stress mit dem Anziehen. Vielleicht lasst Ihr sie das mal ganz allein machen? Gar nichts mehr dazu sagen, also den Druck aus dem Thema nehmen? (Ich weiß, das klingt einfach, ist aber furchtbar schwer)… Vielleicht spürt sie Eure / Deine emotionale Beteiligung und Aufregung und sucht die, auch wenn es negativ ist? Wir hatten sowas auch schon. Vielleicht seid Ihr mal ganz mutig, nehmt Euch morgens ganz viel Zeit und sagt zu ihr: “Du, wir möchten uns mit Dir nicht mehr wegen dem Anziehen streiten. Das ist auch für uns ganz doof. Hast Du eine Idee, wie wir das anders machen können?” Ihr könntet ihr ganz ruhig erklären, dass es Euch wichtig ist, dass sie nicht friert und deswegen jetzt im Winter etwas warmes anzieht, und dann sagt Ihr ihr ganz genau, was etwas Warmes ist, z.b. “eine Strumpfhose, ein Wollhemdchen, eines dieser Kleider oder dieser Pullis”. Vielleicht hat sie ja eine Idee, wie sie sich besser anziehen kann, z.B. allein, ohne Euch. Oder Ihr macht aus, dass sie sich allein anzieht und Ihr seid nur still dabei (dann müsst Ihr aber wirklich sie machen lassen und geduldig sein!), und Ihr dürft dann, wenn sie fertig ist, noch ein oder zwei Sachen verändern. Versucht kreativ zu sein, einen anderen Ablauf festzulegen, sie mitbestimmen lassen, wie Ihr das macht. Denn sie leidet ja auch und sie will ganz sicher Euch nicht verärgern. Sie kann halt nicht anders und landet immer wieder in der Wut. Vielleicht hilft es Euch, das mit ihr zusammen in Ruhe zu besprechen. Seid ruhig ehrlich zu ihr, sagt ihr, dass Ihr auch ganz verzweifelt seid, dass Ihr ihr nicht wehtun wollt und dass Ihr sie verstehen wollt. Wenn Ihr wirklich mit ihr zusammen eine Lösung finden wollt, dann wird sie das spüren. Auch das kann dauern; vielleicht braucht Ihr ein paar versuche, bis Ihr zu ihr durchdringt, bis sie wieder Vertrauen fasst. Aber es lohnt sich. Bei und hilft es manchmal, wenn ich sage: “Du, ich möchte Dich nicht verärgern, wenn ich sage, dass dieses Kleid heute nicht geht. Ich möchte, dass Du es warm hast!” Die Fünfjährige versteht das schon und ist dann besänftigt. Auch Kinder können auf die Idee kommen, dass wir sie ärgern wollen mit unseren blöden Ideen zum Anziehen 😉
      Hui, ich hoffe, ich konnte ein wenig helfen. ich weiß, es ist ein schwieriges Thema…

      1. Avatar Dani sagt:

        Danke für deine Antwort! Ich glaube auch, dass es mittlerweile schon fast ein (negatives) Ritual geworden ist, aus dem sie gar nicht mehr raus kommt.
        Noch kann sie einfach nicht äußern, was sie so sehr stört, sie sagt immer selbst, dass sie es einfach nicht weiß. Aber mit viel Geduld kriegen wir das bestimmt hin und wer weiß, vielleicht kann sie irgendwann auch bestimmen, was sie so sehr stört und das dann auch kommunizieren…

  5. Avatar Kaymahn sagt:

    Meine wollte heute auf den Spielplatz, aber sich nicht dafür anziehen.
    These mit “sie fühlt sich im Kindergarten einsam” trifft in dem Fall wohl eher nicht zu.
    Was macht ihr dann? Ich kann bei 9°C unmöglich halb nackt mit ihr raus, auch wenn ich durchaus von Eltern schon gehört habe die das praktizieren.

    Spielplatz ist konsequenterweise nach 45min gebrülle ausgefallen. Schade

    1. Maike Cölle Maike Cölle sagt:

      Ja, natürlich hast Du recht. Und es gibt sicher noch viele andere Gründe, warum ein Kind sich nicht anziehen möchte, als dass es nicht in den Kindergarten will. Zum Beispiel möchten Kinder manchmal einfach nicht raus, ganz schlicht, Punkt. Genau wie wir Erwachsenen auch. Sie haben vielleicht etwas anderes im Sinn, das sie lieber machen möchten (können es aber nicht artikulieren). Oder sie mögen irgendwas an der Kleidung schlicht nicht (und können das auch nicht artikulieren), oder es geht ihnen sonst was gegen den Strich. Vielleicht war der Tag schon zu voll und anstrengend, vielleicht wollen sie aber auch schlicht einfach jetzt nichts Enges, Warmes anziehen, wissen aber ganz genau, dass es draußen zu kalt ist…. Und leider können Kinder ja ihre Situation manchmal nicht anders ausdrücken als durch Geschrei. Das ist einfach so, besonders, wenn sie überfordert sind, die Eltern viel auf sie einreden und argumentieren (damit meine ich jetzt nicht Dich, ich weiß ja nicht, wie Du Dich verhältst). Meine Erfahrung ist, dass man besser nicht zu viel redet, sondern versucht zuzuhören. Einfach da sein, ruhig bleiben. Wenn man das schafft, kann es sen, dass das Kind plötzlich ausdrücken kann, was eigentlich los ist. Manchmal kommt man nämlich überhaupt gar nicht drauf. Es könnten Sachen sein wie “Mein Bär steckt hinter der Heizung und ich will ihn erst befreien, bevor wir losgehen” oder “Ich muss eigentlich noch aufs Klo” oder (ich glaube, nicht selten) eben “Ich möchte jetzt einfach nicht raus, ich will lieber drinnen spielen!” Oder “Ich will lieber kuscheln und Du liest mir was vor.” Damit meine ich nicht, dass alle nach der Pfeife des Kindes tanzen müssen, sondern dass man versucht AUCH die Situation des Kindes zu sehen. Und die eigene auch (evtl. willst Du noch einkaufen, evtl. warst DU noch nicht draußen und brauchst es…) – dann muss man versuchen, eine Lösung zu finden. Ich finde das “die Kinder halbnackt rausgehen lassen” auch nicht die tollste Lösung, aber man kann es mal probieren, warum nicht? Alle Kleider natürlich stumm (ohne Drohung) mitnehmen und möglichst nicht sofort aufdrängen draußen, denn normalerweise friert kein Kind freiwillig, sondern zieht sich dann draußen gern etwas über. Ich habe das mit Mützen und Schuhen manchmal so gemacht. Wenn die Tochter bei 5°C unbedingt Sandalen anziehen wollte. Ich habe sie einfach gelassen und die Stiefel mitgenommen. Nach ziemlich kurzer Zeit kam sie an und wollte die Stiefel, die ich in der Hand trug…
      Leider gibt es keine Parade-Lösung, nur Anregungen, wie man die Situation betrachten könnte. Ich hoffe, ich konnte trotzdem ein wenig helfen!

  6. Avatar Eve sagt:

    Hallo Maike! Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Ich bin auf der Suche nach einer Lösung für unser aktuelles Anzieh-Problem hier gelandet. Wir hatten schon verschiedenste Varianten davon. Keine Socken, keine Schuhe, keine Jacke, etc. Aber aktuell, bei fast 30 Grad, weigert sich unsere Tochter kurzärmelige Shirts oder kurze Hosen/Kleider anzuziehen. In der Kita haben sie es einmal geschafft sie umzuziehen, aber als ich sie abgeholt habe, wollte sie wieder die langen Sachen anziehen.
    Irgendeine Idee, wie man ihr da helfen kann? Liebe Grüße

    1. Maike Cölle Maike Cölle sagt:

      Liebe Eve,
      ich würde sie einfach kommentarlos die langen Sachen anziehen lassen, also ihr die Autonomie lassen. Nimm kurze Sachen mit. Wenn es ihr zu heiß wird, wird sie ganz von selbst die langen Sachen ausziehen. Dann holst Du eben die kurzen Sachen raus und sie zieht sich um bzw. aus. Am besten keine Diskussionen und auch kein “Siehst Du, ich hab’s Dir doch gesagt!” von Deiner Seite 🙂 Ich finde ich wichtig, dass man dem Kind erlaubt, die Erfahrung selbst zu machen. Idealerweise begleiten wir die Kinder dabei einfach und helfen, wo nötig. Haben also in diesem Fall kurze Sachen dabei 🙂
      Witziger Weise hatte ich gerade gestern auch wieder eine solche Situation: die Tochter wollte sich am noch kühlen Morgen (12°C) keine Leggings unter das sehr leichte Kleid anziehen. Ich habe nicht nachgedacht und auf die Leggings bestanden, das hat sie mir echt übel genommen. Im Nachhinein denke ich, ich hätte sie besser ohne Worte im leichten Kleid rausgehen lassen sollen; dann hätte sie selbst nach etwas Warmem gefragt, aber wäre nicht so verletzt gewesen.

    2. Avatar Alexandra sagt:

      Mein Sohn ist hochsensibel und trägt im Sommer meist keine kurze Kleidung. Die nackigen Arme und Beine stören ihn. Er bekommt dann einfach dünne lange helle Kleidung an. Davon erschwitzt er nicht und ist auch gleich vor der Sonne geschützt.

  7. Avatar Nadine sagt:

    Hallo,

    auf der Suche nach Lösungen, bin ich auf deinen Beitrag gestoßen, denn ich sehr gut nachvollziehen kann. Unsere große Tochter wird, im Januar 7 Jahre, hat bereits seit sie 2 ist ihren eigenen Kopf beim anziehen, was mal gut mal schlecht läuft. Wir haben aber seither immer Probleme beim Jahreszeiten Wechsel, aktuell bei 3 Grad morgens um 7 Uhr zieht sie keine wirkliche Winterjacke an im zur Schule zu laufen. Natürlich endet es oft in Mega Diskussionen, schließlich ist sie fast 7 und bereits zu gut darin

    Hast du eine Idee, wie wir das lösen können, wir stehen ja schon früh auf, aber komplettes „bitte organisiere dich selbst“ ohne standing daran zu erinnern funktioniert ebenso wenig wie alles vorzugeben.

    Sicherlich fehlt ihr Zeit, da sie einen kleinen Bruder von 1,5 Jahren hat welcher aktuell ständig krank ist und dadurch Aufmerksamkeit braucht, aber ich bin aufgrund von Schlafmangel, beruflichen Tätigkeiten und allem, so langsam am Ende meiner Kräfte, um ganz ehrlich zu sein. Ich liebe meine Kids, und sage ihnen das auch oft, ebenso dass ich ihre Hilfe brauche, weil ich nicht alles allein schaffe zur Zufriedenheit alle und ich mein bestes gebe. Selbst abends.m besprochene Sachen, werden am nächsten morgen wieder über Board geworfen, nur um keine warmen Sachen anzuziehen.

  8. Avatar Andrea sagt:

    Hallo Maike,
    bei meiner 18 Monate alten Tochter ist das Anziehen seit einiger Zeit problematisch geworden. Vor alleim bei Jacken schreit sie und läuft weg. Ich habe verschiedene Jacken ausprobiert, aber jetzt, da es kälter wird, möchte ich ihr natürlich warme Sachen anziehen.
    Am schlimmsten finde ich auch, dass die Situation für sie so unwürdig wird, wenn ich sie in die Kleidung “zwinge”. Aber ein so kleines Kind kann ich doch nicht “ohne alles” draußen herumlaufen lassen. Hast du vielleicht eine Idee?
    Viele Grüße, Andrea

  9. Avatar Alexandra sagt:

    Danke, für diese Sichtweise! Mein 5 Jähriger möchte sich auch nicht anziehen und desto mehr Zeitdruck entsteht, desto bockiger wird er und desto meckeriger werde leider ich.
    Ich hoffe mit dieser neuen Sichtweise kann ich besser damit umgehen und vielleicht mit ihm einen Kompromiss finden. Ganz schlimm ist es nämlich, dass ich dem 2 Jährigen Bruder beim anziehen helfe und ihm nicht. Und im Januar kommt die kleine Schwester hinzu. Ich hatte eigentlich nicht vor 3 Kinder morgens wie Puppen anzuziehen.

  10. Avatar Rosa sagt:

    Gibt es in Ihrer Vorstellung von Familie keine anderen Personen als die Kinder und ihre Mütter? Was ist mit den Vätern, wieso sprechen alle immer so selbstverständlich von ‘den Müttern’? “Verurteilen wir keinesfalls die Mütter, die ihr Kind zuhause behalten”, was soll so ein Satz? Ich dachte wir leben im 21. und nicht im 19.Jahrhundert..

    1. Avatar Ellen sagt:

      Hallo Rosa,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich fürchte, ich muss unsere ehemalige Kollegin Maike hier einmal kräftig in Schutz nehmen. Maike ist die letzte Person, die in klassischen Geschlechterrollen denkt. Sie schreibt in dem Blog-Beitrag ja auch von “uns Eltern”. Da dies, wie ich finde, ein sehr persönlicher Blogbeitrag war und sie nun einmal die erzählende Mutter ist, denke ich wirklich nicht, dass sie damit jemanden diskriminieren oder verletzen wollte (wissentlich oder unwissentlich) oder Vätern die Kinderbetreuung oder das Lösen eines Problems nicht zutraut.

      Ich wünsche dir einen schönen Tag.

      Liebe Grüße sendet Ellen vom HANS NATUR Team

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