Warum kleine Kinder nicht teilen können müssen

Die Spielplatzsaison ist eingeläutet. Und die Kleinen streiten sich wieder um die Buddelsachen. Warum Ihr Eurem kleinen Kind das Teilen nicht beibringen müsst, erfahrt Ihr hier:

Gestern Nachmittag saß ich in der warmen Frühlingssonne auf einer Bank auf dem “Blauen Spielplatz” bei uns um die Ecke. Meine kleine Tochter vergnügte sich mit ein paar älteren Mädchen am Karussell. Ich hatte endlich Zeit, auf die seit dem Morgen aufgelaufenen SMS zu antworten. Der halbe Schokoriegel, den ich unten in der Tasche gefunden hatte, schmeckte auch vorzüglich – endlich mal ein kleiner Moment nur für mich. Und etwas Süßes. Herrlich! Als die SMSes beantwortet waren, legte ich das Smartphone auf die Tasche neben mir auf der Bank und sah nach meinem Kind. Alles OK. Da kam ein Papa dahergeschlendert, in lockerem, schlurfigem Berlin-Mitte-Schritt, mit einem Eis in der Hand. Er kam auf mich zu und erblickte mein Handy. Er setzte sich neben mich, griff wie selbstverständlich nach meinem Handy und öffnete die Google App. Ich war völlig baff: “Äh, Entschuldigung, was soll denn das? Das ist mein Telefon!”, und ich versuchte, es ihm aus der Hand zu nehmen. Er aber hielt das Telefon schnell seitlich nach oben, so dass ich nicht rankam, guckte mich ganz erstaunt an und sagte: “Hä, nee! Das kann ich doch wohl mal benutzen!” Ich wusste nicht, ob ich entrüstet oder amüsiert sein sollte. Ich stand auf und versuchte, ihm mein Handy wieder wegzunehmen, noch mit einem belustigten Grinsen im Gesicht (das konnte doch wohl nur ein Scherz sein), aber er weigerte sich mit erstaunter Miene, es mir zu geben. Er stand einfach auf und hielt das Handy hoch. Er war viel größer als ich, so dass ich mein Handy nicht mehr erreichen konnte. Seelenruhig hielt er mein Handy fest und gab es nicht mehr her. Also sowas! Wie unverschämt! Wie konnte ein Mensch auf die Idee kommen, mir einfach mein Telefon wegzunehmen! Laut und etwas zornig sagte ich: “Also jetzt aber Schluss! Gib mir mein Handy zurück! Das ist meins!”

— Okay. Okay. Diese Anekdote habe ich frei erfunden. Sie ist inspiriert von einem denkwürdigen Kapitel aus dem Buch “In Liebe wachsen” von Carlos Gonzalez und soll verdeutlichen, dass auch wir Erwachsenen durchaus Dinge haben, die wir um keinen Preis teilen bzw. einem Fremden auf dem Spielplatz ausleihen würden — unser Handy, unser Portemonnaie, unsere Sonnenbrille zum Beispiel. Genau so wie uns Erwachsenen mit unserem Handy geht es kleinen Kindern mit ihrem Sandeimer, ihrer Schaufel, oder ihrer Puppe: Sie empfinden Dinge, an denen sie gerade Freude haben, oder Dinge, die ihnen gehören, als ihre eigenen, als fest zu ihnen gehörend, als Teil von sich selbst. Auch wenn es manchmal die Schaufel eines anderen Kindes ist, oder die eigene, die wir als Erwachsene jetzt nicht so wichtig finden.

Aber mein Kind kann doch seine Schaufel mal ausleihen!

Wir Erwachsenen finden, dass unser Kind seine Schaufeln, Sandförmchen oder gar seinen Puppenbuggy doch ruhig mal ausleihen kann, denn es bekommt es doch später wieder. Aber kleine Kinder bis ungefähr drei Jahre leben ausschließlich im Jetzt. Sie haben noch kein Empfinden oder Verständnis für das Verstreichen von Zeit. Sie verstehen nicht, dass es ein Später gibt, wo sie die Schaufel oder den Buggy wieder bekommen. Für sie ist es, als ob man ihnen ihre Sachen für immer wegnimmt, und sie empfinden das zu Recht als Verlust. Genau wie wir es unverschämt fänden, wenn uns jemand einfach unser Handy wegnähme. Oder unsere Sonnenbrille. Oder unseren Schokoriegel.

Aber Kinder müssen doch lernen zu teilen!

Ja, Kinder müssen irgendwann lernen zu teilen. Aber: Unter drei müssen sie es nicht. Erst im späten Kindergartenalter bzw. um die Schulreife herum ist es Zeit, wirklich teilen zu lernen — nämlich dann, wenn es wichtig wird, Aufmerksamkeit von Erwachsenen zu teilen (dem Lehrer!), wenn man wirklich warten können muss, bis man dran ist und so weiter.

Dass kleine Kinder instinktiv festhalten, was zu ihnen gehört, hat gute Gründe. Kleine Kinder unter drei, vier ticken im Großen und Ganzen noch wie die Kinder vor hunderttausend Jahren, als wir Menschen noch in der Wildnis lebten. (Ja, sie werden sich mit der Zeit natürlich unseren zivilisierten, modernen Regeln anpassen und sie verstehen.) In der Steinzeit waren Ressourcen knapp. Kinder, die den wertvollen, nahrhaften, leckeren Pilz oder gar das seltene Stück Fleisch gut festhielten und es sich nicht von Artgenossen oder Älteren wegnehmen ließen, hatten schlicht bessere Überlebenschancen. Auch wenn man nicht alle Verhaltensweisen von Kindern mit unserer Steinzeit-Vergangenheit erklären kann, in diesem Fall hilft die Vorstellung des kleinen hartnäckigen Höhlenkindes vielleicht, um mehr Verständnis für das Verhalten unserer Kleinkinder aufzubringen. Das Festhalten von eigenen Sachen hat durchaus seinen Sinn!

Der Teilen-Sermon: Ermahnungen und Erklärungen bringen nichts. (Die Geschichte von Claus und Anton)

Kleine Kinder unter drei lernen das Teilen auch ganz bestimmt nicht durch Ermahnen, Erklären und Beibringen. Ich kenne einen beflissenen, ziemlich typischen Berlin-Mitte-Vater, dem wir immer mal wieder auf einem der Spielplätze in der Umgebung begegnen. Nennen wir ihn Claus. Claus’ Sohn Anton ist knapp zwei Jahre alt, und die beiden bringen immer eine riesige Jutetasche mit herrlichem Buddelzeug mit, nur vom Besten – Eistüten und Eisportionierter in Pink und Blau in allen Größen und Variationen. Auf jeder Schaufel, jedem Förmchen steht mit schwarzem Edding säuberlich “Anton” geschrieben. Wenn Claus das Super-Buddelzeug im Sandkasten ausgeleert hat, kommt meist sofort ein anderes Kind dahergewatschelt oder -gekrabbelt und greift sich eines der tollen Förmchen oder Schaufeln, oder nimmt es dem friedlich buddelnden Anton aus der Hand. Anton schreit dann verständlicherweise laut los. Und wie reagiert Papa Claus? Er reagiert, wie er meint, als anständiger Mensch und erziehungsbewusster, vorbildlicher Vater reagieren zu müssen: “Aber Anton! Wir teilen! Du kannst dem Jungen die Schaufel doch mal ausleihen! Du bekommst sie doch wieder!” Und Papa Claus gibt dem fremden Kind die Schaufel in die Hand und gibt seinem Anton etwas anderes. Aber Anton schreit und holt sich seine Schaufel wieder — es ist schließlich, aus seiner Empfindung SEINE, und das stimmt ja sogar auch — es steht ja sogar sein Name drauf! 🙂

Ich habe Claus schon zigmal den gleichen Teilen-Sermon auf Anton einreden hören. Ich glaube, Anton bekommt den Sermon so gut wie jeden Tag zu hören, seit mindestens einem Jahr, seit er im Sand sitzen kann. Aber Anton lernt einfach nicht! Am nächsten Tag ist es wieder das Gleiche! Na sowas! Und trotzdem (man kann es eigentlich nur bewundern) leiert Claus seine Ermahnungen immer wieder herunter. Irgendwann wird Anton es doch verdammt noch mal lernen. Natürlich sagt Claus seine wohlerzogenen Sätze auch, weil er nicht als asozialer Vater gelten möchte, der nur egoistisch für sein Kind Partei ergreift. Wir müssen doch gerade auf dem Spielplatz alle ganz höflich und vorbildlich zueinander sein und uns ja keine Blöße geben!

Kleine Kinder können in diesem Alter aber nicht durch Ermahnen und rationales Erklären lernen. Ihr Gehirn kann rationale Inhalte noch nicht erfassen und verarbeiten. Erklärungen, besonders wortreiche, ausführliche kommen bei ihnen ungefähr so an wie Bart Simpsons eindringlicher Sprech, als er seinem Hund Knecht Ruprecht beibringen will, auf Kommando Sitz zu machen: In der Simpsons-Folge “Betragen mangelhaft” (Staffel 2) sehen wir aus der Sicht des Hundes, was von Barts Worten und Ermahnungen dem Hund ankommt, nämlich folgendes: Blablablablablablablablabla – er hört und erfasst nur ein unverständliches Gemurmel. Aber er nimmt den Ton, die Stimmung von Barts Worten wahr. Ich will einen Hund nicht mit einem Kind vergleichen, und natürlich kann ein kleines Kind Worte schon erfassen (klar, es lernt ja sprechen!). Aber was die Wirkung von ausführlichen, rationalen Erklärungen und wortreichen Ermahnungen betrifft, ist es bei unseren kleinen Kindern bis zu einem gewissen Alter tatsächlich nicht viel anders als bei Hunden: Sie erfassen den Sinn, den Inhalt unserer Worte nicht, weil ihr Gehirn es einfach noch nicht verarbeiten kann. Sie merken aber durchaus, dass Papa ärgerlich und unzufrieden ist. Das Kind versteht vielleicht irgendwann auch, was Papa in dieser Situation will (weil er ihm immer wieder die Schaufel wegnimmt und sie dem fremden Kind gibt). Das selbständige Teilen wird das Kind durch Ermahnen und Erklären aber sicher nicht lernen, wenn es von selbst noch nicht soweit ist. Wann ein Kind bereit zum Teilen ist, lässt sich durch Ermahnen, Erklären und “Beibringen” nämlich nicht beeinflussen. Ja, es gibt Ausnahmen — wundersame Kinder, die bereitwillig Sachen hergeben — aber meiner siebenjährigen Beobachtung nach sind das die absoluten Ausnahmen. Und sie tun das sicher nicht, weil Papa und Mama es ihnen mit irgendeinem Trick erfolgreich beigebracht haben – sie sind einfach so. Seid Euch gewiss: Spätestens um die Schulreife herum lernt auch Euer Kind zu teilen.

Was lernen wir daraus?

Meinem großen Kind ist das Teilen in den ersten Jahren auch schwer gefallen. Ich würde sagen, sogar besonders schwer. Auch ich habe mein Kind immer wieder ermahnt, doch mal abzugeben, wenn Besuch da war. Weil es mir peinlich war, und weil ich natürlich weiß, dass Teilen als gut und sozial gilt. Aber meine Tochter war nur unglücklich, hat geweint und ihre Sachen fest an sich gedrückt. Sie wollte ihre Sachen eben nicht teilen, weil sie zu ihr gehörten. Ich habe seitdem viel übers kleinkindliche Teilen (bzw. die kleinkindliche Nicht-Fähigkeit zu teilen) nachgedacht, gelesen, beobachtet und auch mit Erzieherinnen gesprochen. Ich bin zu folgenden Schlüssen gekommen:

1. Es ist OK, wenn kleine Kinder noch nicht teilen können. Es ist normal und entspricht ihren Fähigkeiten.

2. Alle Kinder werden lernen zu teilen, wenn sie es im Laufe der späteren Kindergartenzeit bei anderen (Kindern und Erwachsenen) beobachten. Spätestens um die Schulreife herum können es alle. Wirklich. Auch das als Kleinkind teilungsunfreudigste, hartnäckigste “Ich halte mein Spielzeug ganz fest”- Kind.

3. Was das gute Vorbild angeht: Kleine Kinder haben leider selten die Gelegenheit, uns Erwachsene beim vorbildlichen Teilen zu beobachten. Wann streiten wir uns schon einmal mit jemandem um etwas und lösen den Konflikt dann versöhnlich? “Nein, das ist meins, gib das her!” – “Nein, ICH will das Buch jetzt haben!” “Na gut, nimm Du es. Ich verzichte freiwillig.” 🙂 ) Also bei uns kommt so etwas höchst selten vor.

4. Was hilft (1): Von allen Sachen mehrere haben. Also besser drei gleiche Schaufeln und Förmchen kaufen, so dass auch fremde Kinder sich etwas nehmen können (das gibt nämlich viel seltener Streit). Lieber zwei gleiche und nur diese zwei oder drei als mehrere verschiedene anschaffen. Wirklich – das erspart Konflikte. So ist das bei der Kleinkindgruppe in unserem Kindergarten: Es gibt von allem so viele Exemplare, wie Kinder in der Gruppe sind. Es gibt nicht viele Spielsachen (draußen oft gar keine), aber wenn, dann sinnvolle. Und von jedem Spielzeugtyp gibt es genügend für alle. Denn unsere Erzieherinnen sagen zu Recht, dass Kinder unter drei noch nicht teilen können müssen. Wer nicht in Berlin Zentrum oder anderen Großstädten wohnt, wo man auf Spielplätze angewiesen ist, wo immer jemand Buddelzeug dabei hat: Einfach gar nichts auf den Spielplatz mitnehmen.

Wie reagiert man nun am besten auf Spielplatz-Konflikte?

Die Faustregel lautet: Wenn möglich, nicht eingreifen, sondern die Kinder das allein regeln lassen. Auch wenn sie noch klein sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn die Eltern sich einig sind und nicht reagieren, lösen sich Schaufel-Streits oft nach kurzer Zeit von selbst auf. Eines der Kinder siegt und oft akzeptiert das andere das dann, ohne gleich in Geschrei auszubrechen. Ja, es kann natürlich sein, dass die Schaufel oder der Buggy sich dann erstmal irgendwo anders hinbewegt und Ihr später die Runde machen und alles einsammeln müsst. Nur wenn ernsthafte Verletzungsgefahr bei einem der Kinder besteht, sollte man eingreifen. Vornehmlich nur beim eigenen Kind, zumindest wenn das Elter des anderen Kindes in Reichweite ist (und das ist ja fast immer der Fall). Das eigene Kind trösten und mit einfachen, lieben Worten Verständnis signalisieren: “Du möchtest Deine Schaufel gern behalten. Der Junge will sie auch haben. Das ist schwierig, nicht?” Wir Erwachsenen sollten nicht gleich eine Lösung vorschlagen, oft reicht es aus, die Situation klar zu machen, also die Gefühle des Kindes zu verbalisieren.

Wenn Ihr die Traute habt, könnt Ihr auch zum fremden Jungen sagen: “Das ist Mias Schaufel und sie möchte sie gern behalten.” Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird das Kind Euch anschauen und sich dann trollen. Wenn es zu seiner Mami läuft und “petzt”, ist das völlig OK. Auch das fremde Kind ist noch klein und wahrscheinlich jetzt eingeschüchtert. Wenn seine Mami dann tatsächlich zu Euch kommt und um Erklärung bittet (was äußerst unwahrscheinlich ist), erzählt ihr die Handy-Geschichte, und macht freundlich klar, dass Ihr es OK findet, wenn Euer Kind mit zwei, drei, vier Jahren noch nicht teilen kann. Ja, es gehört etwas Mut dazu, aber das sind wir unseren Kindern schuldig. Ich habe die Handy-Geschichte einige Male auf dem Spielplatz erzählt und die Eltern haben immer amüsiert zugehört, gestutzt und mir dann herzlich und überrascht zugestimmt.

Also, Leute: Entspannt Euch und lasst Eure Kinder ihre Sachen lieben und festhalten! Kümmert Euch nicht um Euer eigenes Spielplatz-Image. Steht lieber Euren Kindern bei und vertraut darauf, dass sie das Teilen irgendwann lernen. Denn das tun sie. Bestimmt!

So, und jetzt bitte als soziale Menschen diesen Artikel teilen, denn ich finde, der immer gleiche Papa-Claus-Sermon sollte auf unseren Spielplätzen seltener zu hören sein.

Stimmt Ihr zu?

 

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24 Kommentare, RSS

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    13. Juni 2016 @ 12:22 Antworten

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