Warum wir Kindern ungebeten keine Snacks anbieten sollten

Kindern zwischendurch Essen anzubieten, ohne dass sie danach fragen, halte ich für fehlgeleitetes elterliches Helikopter-Verhalten. Warum, lest Ihr hier:

Ich habe es gestern erst wieder erlebt, auf dem Spielplatz am Teutoburger Platz in Prenzlauer Berg: Kleines Kind um die anderthalb Jahre, supersüß, blondgelockt und im teuren Kleidchen, sitzt versunken im Sandkasten und lässt Sand zwischen den Fingern durchrieseln. Sie ist ganz in die Beobachtung des rieselnden Sandes versunken. Sie dreht und wendet ihre kleinen Händchen und schaut dem Sand zu, der an ihren Fingern herabrinnt. Sehr süß.

Penelopes Banane

Da wird sie plötzlich von ihrer am Rand sitzenden Mama unterbrochen: “Penelope!” (kein Witz!) “Willst Du eine Banane?” Und die Mutter streckt ihrem Kind eine Banane hin. Penelope schaut kurz auf, macht aber kein Anzeichen, dass sie die Banane haben möchte. Sie lässt lieber weiter Sand durch ihre Fingerchen rieseln. “PENELOPE! Hier, guck, eine Banane!” ruft die Mutter und streckt weiter die Banane hin. Penelope schaut nun irritiert ihre Mutter an. Die fängt sogleich an, die Banane zu schälen und sie dem Kind weiter hinzuhalten. Fast geistesabwesend nimmt Penelope die Banane  und beißt eher lustlos hinein. Sie schluckt den Bissen herunter und steckt dann die Banane in den Sand. Sie holt sie wieder raus und sieht, es ist Sand kleben geblieben. Wow! Nochmal steckt sie die Banane in den Sand, bis ihre Mutter merkt, was sie da tut: “PENELOPE! Das ist Essen! Das sollst Du ESSEN und nicht in den Sand werfen!” Und unwirsch nimmt sie Penelope die sandige Banane weg. Penelope guckt verdutzt, streckt ihre Händchen aus und sagt “Nane!” “Nein, die bekommst Du jetzt nicht wieder,” sagt die Mama in sehr strengem, verärgertem Ton. Penelope verzieht das Gesicht und beginnt zu weinen.

OK, eigentlich brauche ich den Artikel gar nicht weiter zu schreiben, denn Ihr habt schon gemerkt, was ich sagen will: Warum bitte versucht eine Mutter ihrem Kind Essen aufzudrängen, A. wenn es absolut kein Anzeichen macht, etwas essen zu wollen und B. wenn es dazu noch im Spiel versunken, also eindeutig wundervoll beschäftigt ist? (Letzteres ist eigentlich der größere Frevel, aber dazu ein andermal.) Und bestraft es dann noch mit Ärger, wo doch SIE dem Kind die Banane gegen seinen Willen aufgedrängt hat?

Wahrer Durst

Dagegen folgende Szene, die wir vor drei Jahren auf dem Stadthügel von Nizza in einem Park beobachtet haben. Es war ein heißer Tag, und der schattige Spielplatz auf dem Hügel war gut besucht (unser kleines Kind ist dort übrigens an diesem Tag zum ersten Mal gekrabbelt!). Wir hatten uns gerade wieder aufgemacht und gingen einen Weg entlang, als wir plötzlich von einem keuchenden Jungen überholt wurden, der um die acht Jahre alt gewesen sein mag. Er drängelte sich an uns vorbei an einen der Wasserhähne, die am Wegesrand standen. Er drehte den Hahn auf und fing gierig an zu trinken; das Wasser lief dabei aus seinen Mundwinkeln, weil der Strahl so stark war. Und er trank. Und trank. Und trank. Und trank. Zwischendrin hielt er keuchend inne, um Luft zu holen, und trank dann weiter – sicher drei Minuten lang. Mein Gott, wie er keuchte und nach Wasser lechzte! Wie sonnig und lebendig und von Kraft durchdrungen der Junge war! Eins war klar: Dieser Junge hatte wahren Durst, und er hatte lange, lange gespielt, bis ihm aufgefallen war, dass er fürchterlich, fürchterlich durstig war. Für meinen Mann und mich ist die Szene unvergessen. Wir führen sie uns vor Augen, wenn einer von uns dazu neigt, sich übermäßig um das leibliche Wohl unserer Kinder zu sorgen. Denn wir erinnern uns beide daran, dass auch wir als Kinder manchmal wie ausgebrannt vor Durst nach Hause kamen und uns minutenlang an die Wasserleitung hingen, einfach, weil wir über dem Spiel und der Aufregung das Trinken vergessen hatten.

Dreimal dürft Ihr raten, welche Szene mir besser gefällt, welche ich “richtig” finde, die mit Penelope oder die mit dem durstigen Jungen!

Ja, ich bin der Meinung:

  • Man sollte keinem Kind Essen oder Trinken anbieten, wenn es nicht von sich aus danach verlangt. Denn so schnell verhungert und verdurstet keiner in unseren Breiten, wo ständig und überall alles verfügbar ist (zumindest in der Stadt). Wenn ein Kind wirklich hungrig oder durstig ist, dann fragt es nach Essen oder Trinken. Versprochen!
  • Für den Fall, dass das Kind von sich aus Hunger oder Durst meldet, kann man natürlich etwas bereit halten, etwa eine Banane und eine Flasche Wasser. Ich weiß, es gibt Mütter, die Tupperdosen voller liebevoll zubereiteter Schnittchen, Gurkenscheiben, Apfelschnitze, Kekse, Küchlein und herrlichen ungesüßten Kräutertee in der Aluflasche zum Spielplatz mitnehmen, in der Angst, dass Ihr Kleines sonst verhungert oder quenglig wird (oder auch: nach der Brust verlangt, was ja (Achtung, Satire) in der Öffentlichkeit und ab einem gewissen Alter gaaaar nicht geht!). Oder in der Hoffnung, dass es endlich mal tüchtig zugreift. Ich sage: Unnötiger Quatsch, ja, Helikopter-Verhalten! Kein Kind unter fünf braucht zwischen den regulären Mahlzeiten (die es hoffentlich gibt) mehr als eine Banane. Aber gut, das ist jetzt meine persönliche Meinung, wer gern stundenlang Spielplatz-Picknick zubereitet, nur zu! Ich jedoch stecke lieber eine Banane ein oder kaufe im Notfall schnell ein Brötchen (OK, bei uns gibt es Brötchen an jeder Ecke und ehrlich gesagt kommt der Notfall äußerst selten vor).
  • Aber bitte drängt Eurem Kind das Essen nicht auf, auch wenn es noch so liebevoll und zeitaufwändig zubereitet wurde. Bietet es ihm nicht ungefragt an! Euer Kind wird Euch zuliebe vielleicht doch zugreifen, aber das bedeutet keinesfalls, dass es “unbemerkt” hungrig oder durstig war. Ihr verderbt mit diesem Verhalten aber die natürliche Wahrnehmung ihres Hunger- und Durstgefühls. Wenn Ihr ihm ständig Essen reinpfropft, wenn es gar nichts möchte, dann bringt ihr ihm bei zu essen und zu trinken, wenn es gar nichts braucht. Das ist es genau, was zu gestörtem Essverhalten führt. Kurz gesagt: Kann später dick oder gar magersüchtig machen.
  • Kein Kind nimmt Schaden, wenn es mal ein, zwei Stunden auf Essen und Trinken verzichten muss (Ausnahme: kleine Babys, die nach Bedarf gestillt oder gefüttert werden). Wirklich. Unser Körper kann eine Menge aushalten.
  • Ja, ich kann das Verhalten, Kindern ungefragt Essen anzubieten, durchaus nachvollziehen und auch mir passiert es, dass ich meinen Kindern Essen anbiete, ohne dass sie gefragt haben, oder sie frage, ob sie nicht doch noch ein Stück wollen, ob sie wirklich satt sind. (Aber ich tue es sicher nicht, wenn sie spielen oder anderweitig vertieft sind). Denn es ist zu gutem Teil unser Instinkt, unsere Kleinen nähren zu wollen, und auch unsere Mütter und Großmütter haben es uns wunderbar vorgemacht. Dieses Verhalten sitzt ganz tief in uns. Dass unser Kind hungrig sein könnte und wir ihm dann nichts geben können, ist für unsere Elternpsyche eine Horrorvorstellung. Aber wir müssen uns klar machen: wir leben einer Überflussgesellschaft und nicht mehr wie vor zehntausend Jahren, als wir Nomaden waren und es uns aber so gar nicht leisten konnten, Essbares am Wegesrand liegen zu lassen. Heute ist Essen für uns immer und überall verfügbar. Also – macht Euch locker und lasst Eure Kinder spielen, bis sie hungrig und durstig angerannt kommen. Auch dann ist das Nähren und Tränken noch befriedigend für unsere Psyche.
  • Und was für eine tolle Erfahrung ist es, wirklich hungrig oder wirklich durstig zu essen und zu trinken! Lassen wir unsere Kindern diese Erfahrung doch auch machen!
  • Und wenn sie nicht so viel zwischendurch essen, haben sie bei den Familienmahlzeiten auch endlich mal wieder tüchtig Hunger. Wir frohlocken doch noch viel mehr, wenn unsere Kinder beim eigentlichen, “richtigen” Essen am Tisch ordentlich reinhauen. Das ist nur dann der Fall, wenn sie zwischendurch nicht mit so vielen Kalorien vollgestopft werden. Also: Hände weg von unverlangten Zwischenmahlzeiten. Kinder sollen essen, wenn sie wirklich hungrig sind. Und nur dann. Und es ist Euch zuzuschreiben, wenn sie ständig nach Essen fragen – dann haben sie sich nämlich schon an das Dauersnacken gewöhnt.
  • “Aber meine Kinder vergessen einfach oft zu essen und zu trinken! Da muss ich sie doch daran erinnern!” Nee, Quatsch mit Soße! Wenn sie wirklich hungrig und durstig sind, kommen sie an. Versprochen. Und dann ist es immer noch rechtzeitig. Siehe der Junge in Nizza.
  • Tja, so sieht’s aus.
  • Und sorry, wenn das hier ein bisschen Mommy-wars-mäßig rüberkommt. Mir ist absolut bewusst, dass auch Penelopes Mama ihre Gründe hatte, warum sie ihrer Tochter die Banane angeboten hat (vielleicht war es eine absolute Ausnahme usw.). Aber ich muss es trotzdem nicht gut finden.

Wer ist anderer Meinung? Heraus damit, aber bitte mit guten Argumenten 🙂

 

PS: Das Foto zeigt nicht Penelope, sondern meine Tochter in einem für diesen Artikel gestellten Bild 🙂

4 Gedanken zu „Warum wir Kindern ungebeten keine Snacks anbieten sollten“

  1. Ilaina sagt:

    Aber genau das suggerieren viele Ratgeber. Dass Kinder eben nicht allein wissen, wann sie Hunger oder Durst haben. Dass Kinder eben über das Spielen so sehr das Trinken vergessen, dass sie den Durst nicht merken. Und so weiter und so fort.
    Faszinierender Weise konnte ich bei meiner Tochter (knapp 15 Monate) feststellen, dass die Kleinen sehr wohl von allein trinken, wenn sie Getränke zur Verfügung haben. Seit Beikoststart hat sie ihre Wasserflasche zur Verfügung (erst eine Trinklernflasche mit Ventil, danach Strohhalmflaschen). Während des Spielens unterbricht sie immer wieder von selbst, trinkt und spielt dann weiter (wenn sie ihre Flasche nicht gleich sieht, kommt sie meist zu uns und signalisiert, dass sie Durst hat). Mit Essen das Gleiche. Gut, wir machen BLW, keinen Stress ums Essen und sie isst soviel, wie sie eben isst. Das sind phasenweise Portionen über den Tag, da leg ich als Erwachsene die Ohren an und dann wieder nur Miniportionen. Man muss halt nicht aus allem ein Riesendrama machen.

    1. Maike Cölle sagt:

      Liebe Iliana,

      ja, ganz genau. Es klingt ja ganz so als ob Ihr das ganz entspannt angeht. Das ist doch wunderbar. Schön, dass das bei Euch so gut klappt. Finde ich auch, am besten kein Riesendrama draus machen! Danke für Deinen Beitrag!

  2. Meike sagt:

    Hallo Maike,

    vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich stelle in verschiedenen Babygruppen meiner Tochter immer wieder fest, dass auch den ganz Kleinen (um die 6 Monate) die natürlichen Schlaf-und Essbedürfnisse abtrainiert werden. Mittagessen um 12.00h und dann der obligatorische Mittagsschlaf. Ich werde manchmal schief angeschaut, wenn ich zugebe, dass bei uns nach Bedarf gegessen und geschlafen wird, halt wenn das Kind hungrig bzw. müde ist. Da braucht es dann auch keine Snacks für zwischendurch. LG

    1. Maike Cölle sagt:

      Hallo Meike, ja, das ist eigentlich schade. Allerdings ist es wohl in Kindergärten nicht anders möglich als Essenszeiten einzuhalten… und ich finde auch, dass Essenszeiten sinnvoll sind (Ausnahme: Babys bis ungefähr ein Jahr; und Stillen sollte immer nach Bedarf sein). Allerdings sollte man Kinder nie, NIEMALS dazu zwingen aufzuessen oder mehr zu essen als sie dann möchten. Wenn sie mal keinen Hunger haben beim Essen, gut. Dann essen sie bei der nächsten Mahlzeit wieder mehr.

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