Wenn das Baby den Brei verweigert: Die Wahrheit zum Thema Beikost-Einführung

Viele Babys lehnen den Brei ab, den man ihnen rund um den 6. Monat zufüttern möchte. Warum das so ist und wie man damit umgehen kann, das lest Ihr hier:

Ich kann mich noch erinnern, wie aufgeregt ich war, als bei meinem ersten Baby mit sechs Monaten das Zufüttern mit Brei auf dem Plan stand. Ich hatte bis dahin voll gestillt. Ganz selbstverständlich ging ich davon aus, dass wir nun anfangen würden, Schritt für Schritt „Stillmahlzeiten durch Breimahlzeiten zu ersetzen“, wie man das ja überall liest, in den Baby-Ratgebern („Babys erstes Jahr“), Apotheken-Zeitschriften und auch in Mama-Foren im Internet. Ich stellte gar nicht in Frage, ob das klappen würde – natürlich würde das klappen, machen doch alle so!

Wie naiv ich war! Denn mein Baby hatte leider null Interesse an dem feinen, selbst gekochten Brei aus Bio-Möhrchen. Sie schleckte einmal, verzog das Gesicht und fasste dann an meine Brust, zog mir mit einem Ruck das T-Shirt runter und wollte gestillt werden.

Zuerst nahm ich’s mit Humor, aber nach einer Woche war klar: Mein Baby möchte keinen Brei essen, es will lieber Muttermilch. Ich war völlig irritiert, denn ich fühlte mich verunsichert – warum kriege ich das nicht hin? Ich kann doch nicht ewig stillen! Bei den anderen geht das doch auch!

Ratlos suchte ich eine Stillgruppe auf. Dort erfuhr ich erstaunt, dass es absolut normal ist, wenn voll gestillte Babys die Beikost nicht einfach so akzeptieren. Ja, ich erfuhr: das „schrittweise Ersetzen von Stillmahlzeiten durch Breimahlzeiten“ ist eine Vorgehensweise, die auf der bis in die 1990er Jahre hinein propagierten und weit verbreiteten Ernährung des Babys mit Flaschenkost beruht. Babys, die mit Pulvermilch ernährt wurden, akzeptieren nämlich die breiige Ersatznahrung viel selbstverständlicher als Babys, die gestillt wurden. Oder, anders ausgedrückt: Von der Flaschenmilch zum Babybrei ist ein viel kleinerer und einfacherer Schritt als der von der Muttermilch zur Breikost.

Die alte Flaschenkost-Strategie „schrittweises Ersetzen von Milchmahlzeiten durch Brei-Mahlzeiten“ haben Autoren von Baby-Ratgebern einfach für gestillte Babys übernommen, ohne zu hinterfragen, ob für gestillte Babys das gleiche gilt wie für flaschenernährte. Und da das Abschreiben ohne eigene Recherche leider durchaus üblich ist, wird die Mär auch auf bekannten Familien- und Mütter-Websites weiter getragen, und findet auch immer wieder ihren Weg in den einen oder anderen gedruckten Baby-Ratgeber.

Deswegen möchte ich hier mal Fakten schaffen:

Woran liegt es, dass bisher voll gestillte Babys den Brei oft erstmal verweigern?

Die Abneigung gegen das Füttern mit Babybrei kann unter anderem folgende Gründe haben:

1. Muttermilch ist viel nahrhafter als Gemüsebrei

Entgegen immer noch verbreiteten Mythen ums Stillen durch ältere Generationen ist Muttermilch äußerst nahrhaft, auch noch nach dem 6. Monat, ja weit bis ins Kleinkindalter hinein (genau so lange, wie gestillt wird; Muttermilch wird einfach nicht „dünner“ oder „wässriger“, sondern bleibt gut und nahrhaft, so lange das Kind noch trinkt). Muttermilch enthält fast drei Mal so viele Kalorien wie ein gekochter Möhrenbrei: Die Milch enthält pro 100 g ungefähr 70 Kilokalorien und 4g Fett. Ja, Möhrenbrei ist dicker. Aber der Möhrenbrei enthält nur 27 Kilokalorien und 0,22 g Fett pro 100 g! Und  gleichzeitig beinhaltet die Muttermilch zusätzlich eine große Bandbreite an Vitaminen, Mineralien und Abwehrstoffen. Und das schmeckt das Baby!

Da der Mensch seit Jahrmillionen ganz natürlich das bevorzugt, was gut nährt (Süßes, Fettiges, Ihr wisst schon…), nimmt es nicht Wunder, dass auch Babys das am liebsten haben, was die meisten Kalorien hat.

Was überschätzt wird, ist die Nahrhaftigkeit von Möhrenbrei!

2. Das Essen mit Löffel fühlt sich komisch an

Plötzlich hat es ein kaltes Metallding oder einen harten Plastiklöffel im Mund statt der weichen, warmen Brustwarze. Daran muss das Baby sich erstmal gewöhnen. Das Essen mit Besteck ist  menschheitsgeschichtlich ja noch eine brandneue Entwicklung. In Urzeiten (und heute noch bei Naturvölkern) wurden/werden die Babys im Durchschnitt drei Jahre lang gestillt. Vermutlich haben sie ebenfalls im Lauf des ersten Lebensjahres angefangen, auch andere Dinge zu essen, aber sicherlich nicht mit Besteck, sondern aufgeweicht oder gar vorgekaut – oder es waren von Natur aus weiche Sachen wir Beeren oder Eier. Alles, was von der Natur nicht vorgesehen ist, ist für Babys gewöhnungsbedürftig und erfordert manchmal viel Geduld von uns Eltern.

3. An der Brust ist es viel gemütlicher und geborgener!

Babys fühlen sich nirgends so wohl wie an Mamas Brust. Hier können sie sich ganz sicher und warm fühlen. Auch das ist ein uralter Instinkt. Da verwundert es nicht, dass sie lieber an der Brust liegen und warme, leckere Milch trinken als wackelig in einem Hochstuhl zu sitzen und ein hartes Ding in den Mund gesteckt zu bekommen.

Aber wie gehe ich nun damit um, dass mein Baby den Brei verweigert?!

1. Ruhig Blut bewahren

Das Wichtigste ist, dass man sich selbst nicht unter Druck setzt. Das Wissen, dass die Muttermilch auch noch lange über den 6. Monat hinaus ausreichend Nährstoffe bietet, sollte hier sehr beruhigend wirken. Ich kenne mehrere Babys, die das ganze erste Jahr lang voll gestillt wurden, und sie waren kerngesund.

2. Dem Baby vertrauen

Euer Baby weiß ernährungstechnisch ganz genau, was für es am besten ist – wenn Ihr ihm Gesundes anbietet. Ihr könnt Eurem Baby voll vertrauen, wenn es erstmal bei der Muttermilch bleiben will. Wer sich diesbezüglich noch stärker vergewissern möchte, lese das fantastische Buch „Mein Kind will nicht essen“ des spanischen Kinderarztes Dr. Carlos Gonzales. Große Lese-Empfehlung!

3. BLW probieren – die praktische Alternative, die Babys lieben!

BLW? Noch nie davon gehört? Dann wird es Zeit! Denn BLW („Baby-Lead Weaning“ = baby-gesteuertes Abstillen) setzt sich seit ein paar Jahren durch und wird von immer mehr Müttern und aufgeklärtem Fachpersonal empfohlen. Oft wird BLW im deutschsprachigen Raum auch als „Breifrei“ bezeichnet, weil es eigentlich nicht ums „Abstillen“ geht. Ich kann hier nur für diese Methode werben – denn es ist praktisch, natürlich und gesund. Ich habe ausschließlich positive Erfahrungen damit gemacht, und so geht es eigentlich allen, die es ausprobieren!

BLW bedeutet, dass das Baby nicht gesondert mit Brei gefüttert wird. Stattdessen wird es weiter gestillt. ABER: das Baby sitzt mit am Familientisch und bekommt dort von dem, was die anderen Familienmitglieder essen – also natürlich nur das, was es gut festhalten und knabbern, lutschen oder mit den zahnfreien (aber durchaus schon harten!) Kauleisten aufweichen oder zerteilen kann. Natürlich muss es auch Baby-verträglich zubereitet sein: Gekochte Kartoffel- und Gemüsestücke (gern groß und länglich geschnitten), große Nudeln, Brotstücke, Obststücke, und natürlich auch Fleisch! Meine kleine Tochter hat mit acht Monaten mit Vorliebe größere Stücke sanft durchgebratenen Steaks ausge“kaut“ und -gelutscht, bis nur noch die bräunlichen Fleischfasern übrig waren. Mittlerweile gibt es supertolle BLW-Rezepte, die der ganzen Familie schmecken.

Hier lutscht meine kleine Tochter als Baby ein Stück Rinder-Entrecote aus

Ein klein wenig muss sich die Familie aber schon anpassen: Gesalzen wird erst am Tisch, damit das Baby salzfrei essen kann. Die Nudeln und das Gemüse sollten z.B. möglichst groß sein, damit das Baby sie gut halten kann. Zucker sollte natürlich möglichst nicht unter den Kochzutaten sein. Fleischstücke sollten groß genug sein, so dass das Baby sich nicht daran verschlucken kann. Und einiges anderes mehr (weiterführende Infos siehe unten in der Link-Liste).

BLW hat noch weitere schlagende Vorteile – unten findest Du Links, wo Du Dich weiter informieren kannst.

Jedoch sollte bei BLW auf folgende drei Dinge geachtet werden: Das Baby sollte von sich aus ein Interesse am Essen zeigen. Das neugierige Verfolgen der elterlichen Nahrungsaufnahme ist dabei nicht das Kriterium – die Babys verfolgen schließlich alles neugierig, was die Eltern machen. Erst wenn das Baby Dir z.B. Essen aus der Hand nimmt und zum Mund führt, ist es eventuell so weit. Das Baby muss außerdem schon eigenständig frei sitzen können (bitte ein Baby niemals beim Sitzen abstützen oder es aufrichten, sondern warten, bis es sich von selbst aufsetzt!). Außerdem sollte es in der Lage sein, die Nahrungsstücke selbst festzuhalten und zum Mund zu führen.

Wenn das Baby selbständig sitzen kann, darf es mit am Tisch sitzen und mitessen (hier isst auch das 10 Monate alte BLW-Baby Kartoffeln mit Pilzen – sogar mit dem Löffel!)

Ausführliche Informationen zu BLW / Breifrei findest Du hier:
4. Geduld, Geduld, Geduld!

Wenn Du zögerst, ob BLW etwas für Euch ist, und doch lieber Brei füttern möchtest, musst Du Dich in Geduld üben. Es hat sich bewährt, die Breikost-Einführung ohne Druck anzugehen. Am besten das Baby nicht hungrig an den Brei heranführen. Ja, man denkt zunächst, das Brei-Essen sollte doch besser klappen, wenn das Baby richtig hungrig ist. Aber das Gegenteil ist der Fall – dann ist es nur weinerlich und verlangt erst recht nach der Brust. Also zuerst stillen und dann ganz spielerisch mit dem Brei anfangen.

Aber wie oben dargestellt, hat das Baby gute Gründe, die Muttermilch dem Brei vorzuziehen. Deswegen kann es unter Umständen lange dauern, bis es mit der Breikost wirklich „flutscht“. Da hilft wirklich nur: immer wieder sanft probieren, niemals zwingen!, niemals den Löffel „mit Gewalt“ in den Mund schieben!, und Geduld, Geduld, Geduld!

Ein glückliches Brei-Baby

Hier auf diesem ausführlichen Blogbeitrag findest Du weitere tolle Tipps und Hilfsmittel für die Brei-Ernährung und die Ernährung von Babys und Kleinkindern allgemein.

Wie klappt es bei Euch mit dem Babybrei? Oder praktiziert jemand BLW?

 

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5 Kommentare, RSS

  1. Avatar

    S Mesing 10. März 2017 @ 14:39

    Was für ein schöner Artikel, gerade passend fürs 2.Kind!
    Hat beim 1.nämlich auch gar nicht geklappt, mal sehen wie es jetzt (entspannter und) mit den Tipps wird 🙂

    • Maike Cölle

      Maike Cölle 10. März 2017 @ 15:14

      Liebe Shannon, danke für Deinen Kommentar!

  2. Avatar

    Jenny 7. Juli 2017 @ 10:29

    Toller Artikel! Ich bin selbst Mama von einem 9 Monate alten Baby-led Weaning Baby und bin total froh, dass ich rechtzeitig von dieser Methode erfahren habe. Vorher habe ich mich auch durch alle Regeln und Ratschläge total unter Druck gesetzt gefühlt.

    Und noch immer gibt es Menschen, die einem – auch ungefragt – erzählen, dass Muttermilch keine geeignete Nahrung mehr für unseren Maxi sein soll. Dabei ist er kerngesund, aktiv und munter.

    Schön, dass du hier so ausführlich beschreibst, was viel mehr Mamas wissen sollten. Das sind Ratschläge und Tipps die man braucht und die einem den Stress nehmen 🙂

    Vielleicht hast du Lust auch ein wenig über unsere Erfahrungen mit BLW zu lesen? Ich schreibe regelmäßig auf http://www.selberesser.de

    Viele liebe Grüße aus München!
    Jenny

    • Maike Cölle

      Maike Cölle 7. Juli 2017 @ 10:33

      Liebe Jenny, vielen lieben Dank für Deinen unterstützenden Kommentar! Ich freue mich immer sehr, wenn unsere Artikel unsichere Mamas auf ihrem Weg bestärken. Herzlichen Dank! Deinen Blog schauerlich mir gern mal an. Liebe Grüße an Dich und viel Kraft und Mut für Euren weiteren Weg!

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